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'''White, Pamela Gayle (2005): East is West.''' | '''White, Pamela Gayle (2005): East is West.''' Pamela Gayle White porträtiert Karma Trinlay Rinpoche. In: Tricycle, Summer 2005 | ||
"Burgund, Frankreich, Sommer 1984. Schüler aus ganz Europa und darüber hinaus versammeln sich, um die Kalachakra-Einweihung von Kalu Rinpoche zu empfangen, einem der einflussreichsten Meister des tibetischen Buddhismus des 20. Jahrhunderts. Im Tempel des Zentrums herrscht reges Treiben bei den Vorbereitungen; die allgemeine Atmosphäre ist feierlich und festlich. Plötzlich knallt eine Tür zu, und alle schauen | "'''Burgund, Frankreich, Sommer 1984.''' Schüler aus ganz Europa und darüber hinaus versammeln sich, um die Kalachakra-Einweihung von Kalu Rinpoche zu empfangen, einem der einflussreichsten Meister des tibetischen Buddhismus des 20. Jahrhunderts. Im Tempel des Zentrums herrscht reges Treiben bei den Vorbereitungen; die allgemeine Atmosphäre ist feierlich und festlich. Plötzlich knallt eine Tür zu, und alle schauen auf, um zu sehen, wer den Zauber gebrochen hat. Ein blondhaariger Junge und sein dunkeläugiger Freund rennen lachend und auf Tibetisch plappernd hindurch, dicht gefolgt von einem älteren Mönch, der sie hinausjagt. Mein Nachbar erzählt mir, dass der blonde Junge [[Trinlay Tulku Rinpoche]] ist, ein neunjähriger Reinkarnationsmeister, der Kalu Rinpoche überallhin begleitet. Man sagt, er sei so etwas wie ein Kobold, und er sieht auch so aus. Als die Einweihung ein paar Tage später tatsächlich stattfindet, nimmt Trinlay [[Tulku]] daran teil. In traditioneller Mönchsgewandung sitzt er in der Nähe von '''[[Kalu Rinpoche]]''' und stimmt in die allgemeinen Rezitationen ein. Während der gesamten Dauer der Veranstaltung zappelt er nicht herum und macht keinen Wirbel; angemessen ernst wirkt er vollkommen in seinem Element. | ||
Als die Einweihung ein paar Tage später tatsächlich stattfindet, nimmt Trinlay Tulku daran teil. | |||
'''Frankreich, Frühjahr 2004.''' Drei hübsche junge Französinnen, die Arm in Arm um eine Stupa umrunden, unterhalten sich über ihren Dharma-Lehrer. „Es stimmt, er hat wirklich ein Händchen dafür, schwierige Konzepte einfach erscheinen zu lassen“, sagt eine. „Ja, aber wie soll man sich konzentrieren?“, entgegnet ihre Freundin, „er ist so attraktiv.“ „Komm drüber hinweg und hör zu“, sagt die dritte lachend. „Vielleicht lernst du ja sogar etwas!“ Der mittlerweile 29-jährige Trinlay Tulku Rinpoche erklärt 150 Menschen die Grundlagen des Buddhismus. Er sitzt schlicht auf einem niedrigen Thron unter einem großen Zelt, gekleidet in schicke französische Kleidung und mit einer stilvollen Frisur. Er kommuniziert durch seine Haltung, seine Hände und sein Lächeln. Obwohl er Französisch und Englisch gleichermaßen fließend spricht, unterläuft ihm gelegentlich in beiden Sprachen ein Versprecher, wobei das eine oder andere Wort andeutet, dass seine Muttersprache eine andere ist. | |||
Als Trinlay Tulkus Mutter mit ihm schwanger war, war sie sich sicher, dass sie einen buddhistischen Lehrer, einen Mönch, in sich trug. Obwohl sie selbst noch keine Buddhistin war, war Anne [ich nenne nur die Vornamen seiner Eltern | =Eltern= | ||
betrat den Saal, in dem die Zeremonie gerade beginnen sollte. Er nahm auf der Stelle Zuflucht und ging tief beeindruckt, voller Sehnsucht nach mehr Kontakt. | Als Trinlay Tulkus Mutter mit ihm schwanger war, war sie sich sicher, dass sie einen buddhistischen Lehrer, einen Mönch, in sich trug. Obwohl sie selbst noch keine Buddhistin war, war Anne [ich nenne auf Wunsch von Trinlay Tulku nur die Vornamen seiner Eltern] so etwas wie ein Freigeist, ein Kind der amerikanischen Sechziger- und Siebzigerjahre. Sie hatte an der Schule östliche Philosophie studiert, und der Buddhismus sprach sie an. Trinlays Vater, ein Mitglied des französischen Parlaments, war mit den Grundsätzen des Buddhismus vertraut und daran interessiert, mehr zu erfahren. Einige Tage vor der Geburt seines Sohnes befand sich Jean-Louis in einem Pariser Hotel. Dort sah er Schilder, die darauf hinwiesen, dass der Sechzehnte [[Karmapa]], Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus, in einem der unteren Stockwerke die Schwarze-Krone-Zeremonie abhielt. Es heißt, wer den Karmapa mit der Schwarzen Krone sieht, erhalte einen großen Segen und werde schließlich Erleuchtung erlangen. Neugierig geworden, folgte Jean-Louis den Hinweisen und betrat den Saal, in dem die Zeremonie gerade beginnen sollte. Er nahm auf der Stelle Zuflucht und ging tief beeindruckt, voller Sehnsucht nach mehr Kontakt. Als ihr Kind geboren wurde, benannte das junge Paar es nach dem Cousin Buddhas, [[Ananda]]. | ||
=Zuflucht= | |||
in der Nähe | Ein Jahr später reiste die Familie in den Urlaub nach Indien, in der Hoffnung, den '''[[Karmapa]]''' öfter zu sehen, obwohl sie nicht genau wussten, wo sie ihn finden würden. Sie fuhren zunächst nach Darjeeling in Indien, wo sie von Freunden erfuhren, dass sich der Karmapa zwar in Nepal aufhielt, der große Meister Kalu Rinpoche, Oberhaupt der '''[[Shangpa]]-Linie''', jedoch in der Nähe weilt. Sie suchten ihn auf, und Anne nahm bei ihm Zuflucht und bat ihn, auch ihrem Sohn Ananda Zuflucht zu gewähren. Kalu Rinpoche lehnte dies ab und sagte, es sei nicht seine Aufgabe, dem Jungen Zuflucht zu gewähren. Verwirrt darüber reisten sie kurz darauf nach Nepal, um den Karmapa zu sehen. | ||
Verwirrt darüber | |||
Als sie ihn fanden, rannte der damals vierzehn Monate alte Ananda auf ihn zu und sprang ihm in die Arme. Der Karmapa sagte, er werde dem Jungen sofort Zuflucht gewähren, und so tat er es auch. Ananda wurde zu Trinlay. „Irgendwie verstand ich intuitiv, was der Karmapa mir sagte“, sagt Trinlay heute. „Die buddhistischen Gebote ergaben für das Kind, das ich war, vollkommen Sinn, und mein größter Wunsch war es, sie zu befolgen. Ich vertraute dem Buddha und seinen Lehren und wollte nach Erleuchtung streben. Außerdem zeigten sich allmählich die Neigungen meines Vorgängers, und ich sehnte mich danach, in einem Kloster zu leben.“ | |||
Die Familie mietete ein Haus in Nepal, wohin sie regelmäßig in den Ferien zurückkehrten. Wann immer sie dort waren, drängte Trinlay seine Eltern, ihn zu Stupas und Tempeln mitzunehmen, und bat wiederholt darum, bei Mönchen bleiben zu dürfen. Seine Mutter sagt, er habe begonnen, Menschen zu erkennen, die er nie zuvor gesehen hatte, und Erinnerungen aus einem anderen Leben zu erleben. Als er zwei Jahre alt war, beschloss er, dass es genug sei, packte einen kleinen Koffer und rannte aus dem Tor. Seine Mutter sah ihn gehen und schrie; Leute kamen herbeigelaufen, um ihn einzufangen. Als sie ihn zurückbrachten, schrie er: „Ich will weg, lasst mich gehen!“ Kurz darauf wurde Trinlay vom Karmapa offiziell als die physische Inkarnation, oder '''Tulku''', von '''Khakyab Rinpoche''' anerkannt, einem Karma-Kagyü-Meister aus Westtibet, der jung verstorben war. Vor seinem Tod hatte er ein Gedicht geschrieben, in dem er erklärte, dass er im Westen wiedergeboren werden würde. | |||
=Bei Kalu Rinpoche= | |||
Khakyab Rinpoche hatte Kalu Rinpoche sehr nahegestanden, und als Trinlay seine Eltern mit wiederholten Bitten, bei den Mönchen leben zu dürfen, zermürbt hatte, nahm Kalu Rinpoche den damals dreijährigen Jungen unter seine Fittiche. In seiner frühen Kindheit verbrachte der Junge seine Zeit abwechselnd bei seiner Familie und bei Kalu Rinpoche. Als er vier oder fünf Jahre alt war, begann er, Kalu Rinpoche auf seinen Reisen zu begleiten und sah seine Eltern immer seltener. Anne, seine Mutter, sagt, dass Trinlay schon als kleines Kind oft und überzeugend von seinem früheren Leben sprach, und sie glaubte ihm. | |||
Sobald er als Tulku anerkannt war, schien es offensichtlich, dass er eine besondere Unterweisung benötigte, um sein Potenzial entfalten zu können. Obwohl ihre Entscheidung, ihn Kalu Rinpoche anzuvertrauen, manche Menschen schockierte – „Wie konntet ihr das eurem Kind antun?“, wurde Anne gefragt –, waren sie und Jean-Louis überzeugt, dass das Aufwachsen bei Kalu Rinpoche und den anderen Lamas die beste Erziehung war, die er erhalten konnte. „Ich bin in einem sehr privilegierten Milieu aufgewachsen“, sagt Anne, „unter Millionären, Debütantinnen, Rockstars, Politikern. Keiner von ihnen war besonders glücklich. Die Lamas waren es, die den Schlüssel zum wahren Glück hatten. Durch sie konnte mein Kind lernen, wovon die meisten Menschen ein Leben lang nur einen flüchtigen Eindruck bekommen. Ich wünschte, jemand hätte mich Rinpoche übergeben, als ich drei war!“ Als sie in Indien waren, wohnte Trinlay Tulku bei Kalu Rinpoche in dessen '''Kloster Samdrup Tarjay Chöling in Sonada''', nahe Darjeeling, und Anne lebte in der Nähe. Sie sah ihren Sohn fast täglich; sie sagt, hätte sie auch nur einen Moment lang das Gefühl gehabt, dass etwas nicht in Ordnung sei, hätte sie „eingeschritten und ihn mitgenommen“. Bei Kalu Rinpoche erhielt Trinlay eine traditionelle Tulku-Ausbildung, komplett mit Tutoren, Lehrern und einem ziemlich strengen Disziplinarmönch. Umgeben von Erwachsenen, gibt er zu, dass er sich manchmal wie ein kleiner Prinz fühlte. „Ich konnte auch ein bisschen schelmisch sein, aber alle waren furchtbar nett zu mir.“ Er sagt, dass er gerne ab und zu mit anderen Kindern spielte, aber deren Prioritäten nicht immer verstand. Es war nicht so, dass er sich von der Außenwelt abgeschnitten fühlte, es war nur so, dass das Studium und seine persönliche Praxis im Mittelpunkt standen. | |||
Trinlay begleitete Kalu Rinpoche bei Ritualen und reiste mit ihm, wenn dieser auf Lehrreisen ging. Sein Leben auf Reisen stand in starkem Kontrast zu seinem Leben in Indien, wo er auf einem harten Bett schlief, sich mit kaltem Wasser wusch und einfache Kost aß. Wenn er Kalu Rinpoche nach Südostasien, in die Vereinigten Staaten oder nach Europa begleitete, musste er sich durch endlose Bankette quälen, Marathon-Zeremonien über sich ergehen lassen und seine Verwandten besuchen. Er lernte, ein kulturelles Chamäleon zu sein, jede Situation, in der er sich befand, zu akzeptieren und sich ihr anzupassen. Zu jeder Zeit, sagt er, zeigte ihm Kalu Rinpoche tiefste Güte und half ihm, über die großen Fragen von Leben und Tod nachzudenken. Seine Situation passte perfekt zu ihm. „Meine Kindheit war ganz anders als die westlicher Kinder, die mit nur einer Kultur aufwachsen“, sagt er. „In ihrem Umfeld wäre ich unglücklich gewesen. Ich hätte mich fehl am Platz gefühlt.“ | |||
=Bei Lama Tönsang und Abitur (Bac)= | |||
Als Trinlay zehn Jahre alt war, schloss er sich anderen Tulkus in Darjeeling für ein Studienjahr an und wurde anschließend in ein Dharma-Zentrum in den französischen Alpen geschickt, wo seine Ausbildung unter der Leitung von Lama Tönsang fortgesetzt wurde, einem hoch angesehenen Lama aus Osttibet, den er als „streng, aber gerecht“ beschreibt. Parallel zu seiner strengen Dharma-Ausbildung unterrichteten ihn Privatlehrer in Französisch und Englisch und vermittelten ihm eine intensive westliche Bildung, die dazu führte, dass er das Bac bestand – das anspruchsvolle französische Äquivalent zum Abitur –, obwohl er nie in einer Schule gelernt hatte. Er sorgte landesweit für Schlagzeilen, als er als erster in Frankreich Tibetisch als zweite Sprache für das Bac beantragte. Solange Trinlay sich erinnern konnte, war es sein größter Wunsch, sein Verständnis des Dharma zu vertiefen, doch interessierte er sich auch für westliche Wissenschaft und Philosophie. Er stellte sich vor, eine Brücke zwischen den beiden Welten, Ost und West, zu schlagen. | |||
[[Kategorie: | =Studium= | ||
Nach Abschluss des Bac teilte Trinlay seine Zeit zwischen dem Studium bei gelehrten tibetischen Gelehrten in Indien und dem Studium an einer Universität in Frankreich auf. Seine Wertschätzung für die klassischen Philosophen wie Platon und Aristoteles hält bis heute an. „Sie haben viel gemeinsam – mehr als allgemein angenommen wird – mit den großen asiatischen Meistern. Sie alle stellen dieselben Fragen: Wer sind wir? Wie definieren wir die Realität? Was ist der Geist? Wie sollen wir unser Leben leben? Wie können wir dem Tod begegnen? Was geschieht, nachdem wir gestorben sind? Während alle Denkschulen Vernunft, Logik und eine ausgefeilte Sprache verwenden, können ihre Schlussfolgerungen radikal unterschiedlich sein. Es gibt zwar einige Gemeinsamkeiten, doch der Buddhismus hat seine Besonderheiten: Die buddhistische Sichtweise der [[Leerheit]] oder Wesenslosigkeit ist ein offensichtliches Beispiel.“ | |||
=In Paris= | |||
Heute, mit dreißig Jahren, ist Trinlay Tulku Rinpoches Heimatbasis das Pariser Westufer. Er verbringt einen Teil des Jahres damit, in den USA, Europa und Asien zu lehren, Vorträge zu halten und Retreats zu leiten. Den Großteil seiner übrigen Zeit verbringt er mit Praxis, Studium und Forschung. Seine Freizeit verbringt er vielleicht in der Oper oder im Kino oder damit, auf seinem altmodischen Fahrrad durch die Stadt zu radeln. In Gesellschaft von Tibetern fügt er sich nahtlos ein. Ihm wird stets ein Ehrenplatz eingeräumt und man spricht ihn in der formellen tibetischen Sprache an, wie es seinem Status als Tulku gebührt. Viele seiner französischen Kollegen neigen ganz natürlich dazu, ihm gegenüber das „vous“ anstelle des vertraulicheren „tu“ zu verwenden. Er ist außerordentlich höflich und rücksichtsvoll und manchmal so ernst, dass er den Witz nicht versteht. Als leidenschaftlicher Lehrer mit einem Talent dafür, schwierige philosophische Punkte zu verdeutlichen, verfügt er über eine besondere Mischung aus klarer Sprache und aufrichtigem Enthusiasmus, die seinen einzigartigen Hintergrund widerspiegelt und Philosophen und Praktizierende aller Horizonte anspricht. | |||
Trinlay glaubt, dass der Buddhismus Westler anspricht, weil er keinen Glauben an sich verlangt; stattdessen gibt er Stoff zum Nachdenken und ermöglicht individuelle Entwicklung auf der Grundlage persönlicher Erfahrung. Er ist überzeugt, dass modernes Denken – Wissenschaft und Philosophie – und der Buddhismus in hohem Maße miteinander vereinbar sind. „Nehmen wir zum Beispiel die Quantenphysik: Die Analyse unendlich kleiner Teilchen hat zu denselben Schlussfolgerungen über die Natur der Realität geführt, zu denen Buddha vor 2500 Jahren gelangte, und man versteht heute, dass man nicht bestätigen kann, dass die Realität eine vom Beobachter unabhängige objektive Existenz hat. „Für Westler ist es relativ einfach, den Buddhismus zu verstehen und sich mit den Lehren zu identifizieren, aber sie müssen lernen, wie man Buddhist wird; sie neigen dazu, viele Informationen aufzunehmen, brauchen aber Anleitung, wie sie diese in die Praxis umsetzen können. Zum Beispiel verstehen sie, warum liebevolle Güte und Mitgefühl positive Werte sind, sind aber irgendwie ratlos, wie sie diese anwenden sollen. Das hat offensichtlich nichts damit zu tun, einer anderen Kultur anzuhängen oder Tibeter zu werden und seinen Namen in Tashi zu ändern – manche Westler sind darüber verwirrt. Die Lehren des Buddha sind nicht auf ein bestimmtes Ethos ausgerichtet“, erklärt Trinlay. „Buddhisten haben sich historisch gesehen an so unterschiedliche kulturelle Kontexte wie die in Indien, China, Afghanistan und Indonesien angepasst. „Mögliche Fallstricke sind für alle gleich, unabhängig von Nationalität oder Lebensstil. Wir alle sind den Fängen der Vergänglichkeit und des Todes ausgesetzt; negative Emotionen und Verwirrung plagen uns alle und schaffen immer mehr Schwierigkeiten für uns selbst und die Welt. Das gilt, egal ob man aus Tibet, Kanada, Nigeria oder sonst woher kommt.“ Zwar ist es sicherlich wahr, dass wir alle mit denselben Hindernissen und Schleiern zu kämpfen haben, doch soll sich das Tulku-System als Abkürzung entwickelt haben, um diese zu umgehen." (White 2005, Übers. mit DeepL, gekürzt) | |||
[[Kategorie:Literatur]] | |||
Aktuelle Version vom 21. März 2026, 19:02 Uhr
White, Pamela Gayle (2005): East is West. Pamela Gayle White porträtiert Karma Trinlay Rinpoche. In: Tricycle, Summer 2005
"Burgund, Frankreich, Sommer 1984. Schüler aus ganz Europa und darüber hinaus versammeln sich, um die Kalachakra-Einweihung von Kalu Rinpoche zu empfangen, einem der einflussreichsten Meister des tibetischen Buddhismus des 20. Jahrhunderts. Im Tempel des Zentrums herrscht reges Treiben bei den Vorbereitungen; die allgemeine Atmosphäre ist feierlich und festlich. Plötzlich knallt eine Tür zu, und alle schauen auf, um zu sehen, wer den Zauber gebrochen hat. Ein blondhaariger Junge und sein dunkeläugiger Freund rennen lachend und auf Tibetisch plappernd hindurch, dicht gefolgt von einem älteren Mönch, der sie hinausjagt. Mein Nachbar erzählt mir, dass der blonde Junge Trinlay Tulku Rinpoche ist, ein neunjähriger Reinkarnationsmeister, der Kalu Rinpoche überallhin begleitet. Man sagt, er sei so etwas wie ein Kobold, und er sieht auch so aus. Als die Einweihung ein paar Tage später tatsächlich stattfindet, nimmt Trinlay Tulku daran teil. In traditioneller Mönchsgewandung sitzt er in der Nähe von Kalu Rinpoche und stimmt in die allgemeinen Rezitationen ein. Während der gesamten Dauer der Veranstaltung zappelt er nicht herum und macht keinen Wirbel; angemessen ernst wirkt er vollkommen in seinem Element.
Frankreich, Frühjahr 2004. Drei hübsche junge Französinnen, die Arm in Arm um eine Stupa umrunden, unterhalten sich über ihren Dharma-Lehrer. „Es stimmt, er hat wirklich ein Händchen dafür, schwierige Konzepte einfach erscheinen zu lassen“, sagt eine. „Ja, aber wie soll man sich konzentrieren?“, entgegnet ihre Freundin, „er ist so attraktiv.“ „Komm drüber hinweg und hör zu“, sagt die dritte lachend. „Vielleicht lernst du ja sogar etwas!“ Der mittlerweile 29-jährige Trinlay Tulku Rinpoche erklärt 150 Menschen die Grundlagen des Buddhismus. Er sitzt schlicht auf einem niedrigen Thron unter einem großen Zelt, gekleidet in schicke französische Kleidung und mit einer stilvollen Frisur. Er kommuniziert durch seine Haltung, seine Hände und sein Lächeln. Obwohl er Französisch und Englisch gleichermaßen fließend spricht, unterläuft ihm gelegentlich in beiden Sprachen ein Versprecher, wobei das eine oder andere Wort andeutet, dass seine Muttersprache eine andere ist.
Eltern
Als Trinlay Tulkus Mutter mit ihm schwanger war, war sie sich sicher, dass sie einen buddhistischen Lehrer, einen Mönch, in sich trug. Obwohl sie selbst noch keine Buddhistin war, war Anne [ich nenne auf Wunsch von Trinlay Tulku nur die Vornamen seiner Eltern] so etwas wie ein Freigeist, ein Kind der amerikanischen Sechziger- und Siebzigerjahre. Sie hatte an der Schule östliche Philosophie studiert, und der Buddhismus sprach sie an. Trinlays Vater, ein Mitglied des französischen Parlaments, war mit den Grundsätzen des Buddhismus vertraut und daran interessiert, mehr zu erfahren. Einige Tage vor der Geburt seines Sohnes befand sich Jean-Louis in einem Pariser Hotel. Dort sah er Schilder, die darauf hinwiesen, dass der Sechzehnte Karmapa, Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus, in einem der unteren Stockwerke die Schwarze-Krone-Zeremonie abhielt. Es heißt, wer den Karmapa mit der Schwarzen Krone sieht, erhalte einen großen Segen und werde schließlich Erleuchtung erlangen. Neugierig geworden, folgte Jean-Louis den Hinweisen und betrat den Saal, in dem die Zeremonie gerade beginnen sollte. Er nahm auf der Stelle Zuflucht und ging tief beeindruckt, voller Sehnsucht nach mehr Kontakt. Als ihr Kind geboren wurde, benannte das junge Paar es nach dem Cousin Buddhas, Ananda.
Zuflucht
Ein Jahr später reiste die Familie in den Urlaub nach Indien, in der Hoffnung, den Karmapa öfter zu sehen, obwohl sie nicht genau wussten, wo sie ihn finden würden. Sie fuhren zunächst nach Darjeeling in Indien, wo sie von Freunden erfuhren, dass sich der Karmapa zwar in Nepal aufhielt, der große Meister Kalu Rinpoche, Oberhaupt der Shangpa-Linie, jedoch in der Nähe weilt. Sie suchten ihn auf, und Anne nahm bei ihm Zuflucht und bat ihn, auch ihrem Sohn Ananda Zuflucht zu gewähren. Kalu Rinpoche lehnte dies ab und sagte, es sei nicht seine Aufgabe, dem Jungen Zuflucht zu gewähren. Verwirrt darüber reisten sie kurz darauf nach Nepal, um den Karmapa zu sehen.
Als sie ihn fanden, rannte der damals vierzehn Monate alte Ananda auf ihn zu und sprang ihm in die Arme. Der Karmapa sagte, er werde dem Jungen sofort Zuflucht gewähren, und so tat er es auch. Ananda wurde zu Trinlay. „Irgendwie verstand ich intuitiv, was der Karmapa mir sagte“, sagt Trinlay heute. „Die buddhistischen Gebote ergaben für das Kind, das ich war, vollkommen Sinn, und mein größter Wunsch war es, sie zu befolgen. Ich vertraute dem Buddha und seinen Lehren und wollte nach Erleuchtung streben. Außerdem zeigten sich allmählich die Neigungen meines Vorgängers, und ich sehnte mich danach, in einem Kloster zu leben.“
Die Familie mietete ein Haus in Nepal, wohin sie regelmäßig in den Ferien zurückkehrten. Wann immer sie dort waren, drängte Trinlay seine Eltern, ihn zu Stupas und Tempeln mitzunehmen, und bat wiederholt darum, bei Mönchen bleiben zu dürfen. Seine Mutter sagt, er habe begonnen, Menschen zu erkennen, die er nie zuvor gesehen hatte, und Erinnerungen aus einem anderen Leben zu erleben. Als er zwei Jahre alt war, beschloss er, dass es genug sei, packte einen kleinen Koffer und rannte aus dem Tor. Seine Mutter sah ihn gehen und schrie; Leute kamen herbeigelaufen, um ihn einzufangen. Als sie ihn zurückbrachten, schrie er: „Ich will weg, lasst mich gehen!“ Kurz darauf wurde Trinlay vom Karmapa offiziell als die physische Inkarnation, oder Tulku, von Khakyab Rinpoche anerkannt, einem Karma-Kagyü-Meister aus Westtibet, der jung verstorben war. Vor seinem Tod hatte er ein Gedicht geschrieben, in dem er erklärte, dass er im Westen wiedergeboren werden würde.
Bei Kalu Rinpoche
Khakyab Rinpoche hatte Kalu Rinpoche sehr nahegestanden, und als Trinlay seine Eltern mit wiederholten Bitten, bei den Mönchen leben zu dürfen, zermürbt hatte, nahm Kalu Rinpoche den damals dreijährigen Jungen unter seine Fittiche. In seiner frühen Kindheit verbrachte der Junge seine Zeit abwechselnd bei seiner Familie und bei Kalu Rinpoche. Als er vier oder fünf Jahre alt war, begann er, Kalu Rinpoche auf seinen Reisen zu begleiten und sah seine Eltern immer seltener. Anne, seine Mutter, sagt, dass Trinlay schon als kleines Kind oft und überzeugend von seinem früheren Leben sprach, und sie glaubte ihm.
Sobald er als Tulku anerkannt war, schien es offensichtlich, dass er eine besondere Unterweisung benötigte, um sein Potenzial entfalten zu können. Obwohl ihre Entscheidung, ihn Kalu Rinpoche anzuvertrauen, manche Menschen schockierte – „Wie konntet ihr das eurem Kind antun?“, wurde Anne gefragt –, waren sie und Jean-Louis überzeugt, dass das Aufwachsen bei Kalu Rinpoche und den anderen Lamas die beste Erziehung war, die er erhalten konnte. „Ich bin in einem sehr privilegierten Milieu aufgewachsen“, sagt Anne, „unter Millionären, Debütantinnen, Rockstars, Politikern. Keiner von ihnen war besonders glücklich. Die Lamas waren es, die den Schlüssel zum wahren Glück hatten. Durch sie konnte mein Kind lernen, wovon die meisten Menschen ein Leben lang nur einen flüchtigen Eindruck bekommen. Ich wünschte, jemand hätte mich Rinpoche übergeben, als ich drei war!“ Als sie in Indien waren, wohnte Trinlay Tulku bei Kalu Rinpoche in dessen Kloster Samdrup Tarjay Chöling in Sonada, nahe Darjeeling, und Anne lebte in der Nähe. Sie sah ihren Sohn fast täglich; sie sagt, hätte sie auch nur einen Moment lang das Gefühl gehabt, dass etwas nicht in Ordnung sei, hätte sie „eingeschritten und ihn mitgenommen“. Bei Kalu Rinpoche erhielt Trinlay eine traditionelle Tulku-Ausbildung, komplett mit Tutoren, Lehrern und einem ziemlich strengen Disziplinarmönch. Umgeben von Erwachsenen, gibt er zu, dass er sich manchmal wie ein kleiner Prinz fühlte. „Ich konnte auch ein bisschen schelmisch sein, aber alle waren furchtbar nett zu mir.“ Er sagt, dass er gerne ab und zu mit anderen Kindern spielte, aber deren Prioritäten nicht immer verstand. Es war nicht so, dass er sich von der Außenwelt abgeschnitten fühlte, es war nur so, dass das Studium und seine persönliche Praxis im Mittelpunkt standen.
Trinlay begleitete Kalu Rinpoche bei Ritualen und reiste mit ihm, wenn dieser auf Lehrreisen ging. Sein Leben auf Reisen stand in starkem Kontrast zu seinem Leben in Indien, wo er auf einem harten Bett schlief, sich mit kaltem Wasser wusch und einfache Kost aß. Wenn er Kalu Rinpoche nach Südostasien, in die Vereinigten Staaten oder nach Europa begleitete, musste er sich durch endlose Bankette quälen, Marathon-Zeremonien über sich ergehen lassen und seine Verwandten besuchen. Er lernte, ein kulturelles Chamäleon zu sein, jede Situation, in der er sich befand, zu akzeptieren und sich ihr anzupassen. Zu jeder Zeit, sagt er, zeigte ihm Kalu Rinpoche tiefste Güte und half ihm, über die großen Fragen von Leben und Tod nachzudenken. Seine Situation passte perfekt zu ihm. „Meine Kindheit war ganz anders als die westlicher Kinder, die mit nur einer Kultur aufwachsen“, sagt er. „In ihrem Umfeld wäre ich unglücklich gewesen. Ich hätte mich fehl am Platz gefühlt.“
Bei Lama Tönsang und Abitur (Bac)
Als Trinlay zehn Jahre alt war, schloss er sich anderen Tulkus in Darjeeling für ein Studienjahr an und wurde anschließend in ein Dharma-Zentrum in den französischen Alpen geschickt, wo seine Ausbildung unter der Leitung von Lama Tönsang fortgesetzt wurde, einem hoch angesehenen Lama aus Osttibet, den er als „streng, aber gerecht“ beschreibt. Parallel zu seiner strengen Dharma-Ausbildung unterrichteten ihn Privatlehrer in Französisch und Englisch und vermittelten ihm eine intensive westliche Bildung, die dazu führte, dass er das Bac bestand – das anspruchsvolle französische Äquivalent zum Abitur –, obwohl er nie in einer Schule gelernt hatte. Er sorgte landesweit für Schlagzeilen, als er als erster in Frankreich Tibetisch als zweite Sprache für das Bac beantragte. Solange Trinlay sich erinnern konnte, war es sein größter Wunsch, sein Verständnis des Dharma zu vertiefen, doch interessierte er sich auch für westliche Wissenschaft und Philosophie. Er stellte sich vor, eine Brücke zwischen den beiden Welten, Ost und West, zu schlagen.
Studium
Nach Abschluss des Bac teilte Trinlay seine Zeit zwischen dem Studium bei gelehrten tibetischen Gelehrten in Indien und dem Studium an einer Universität in Frankreich auf. Seine Wertschätzung für die klassischen Philosophen wie Platon und Aristoteles hält bis heute an. „Sie haben viel gemeinsam – mehr als allgemein angenommen wird – mit den großen asiatischen Meistern. Sie alle stellen dieselben Fragen: Wer sind wir? Wie definieren wir die Realität? Was ist der Geist? Wie sollen wir unser Leben leben? Wie können wir dem Tod begegnen? Was geschieht, nachdem wir gestorben sind? Während alle Denkschulen Vernunft, Logik und eine ausgefeilte Sprache verwenden, können ihre Schlussfolgerungen radikal unterschiedlich sein. Es gibt zwar einige Gemeinsamkeiten, doch der Buddhismus hat seine Besonderheiten: Die buddhistische Sichtweise der Leerheit oder Wesenslosigkeit ist ein offensichtliches Beispiel.“
In Paris
Heute, mit dreißig Jahren, ist Trinlay Tulku Rinpoches Heimatbasis das Pariser Westufer. Er verbringt einen Teil des Jahres damit, in den USA, Europa und Asien zu lehren, Vorträge zu halten und Retreats zu leiten. Den Großteil seiner übrigen Zeit verbringt er mit Praxis, Studium und Forschung. Seine Freizeit verbringt er vielleicht in der Oper oder im Kino oder damit, auf seinem altmodischen Fahrrad durch die Stadt zu radeln. In Gesellschaft von Tibetern fügt er sich nahtlos ein. Ihm wird stets ein Ehrenplatz eingeräumt und man spricht ihn in der formellen tibetischen Sprache an, wie es seinem Status als Tulku gebührt. Viele seiner französischen Kollegen neigen ganz natürlich dazu, ihm gegenüber das „vous“ anstelle des vertraulicheren „tu“ zu verwenden. Er ist außerordentlich höflich und rücksichtsvoll und manchmal so ernst, dass er den Witz nicht versteht. Als leidenschaftlicher Lehrer mit einem Talent dafür, schwierige philosophische Punkte zu verdeutlichen, verfügt er über eine besondere Mischung aus klarer Sprache und aufrichtigem Enthusiasmus, die seinen einzigartigen Hintergrund widerspiegelt und Philosophen und Praktizierende aller Horizonte anspricht.
Trinlay glaubt, dass der Buddhismus Westler anspricht, weil er keinen Glauben an sich verlangt; stattdessen gibt er Stoff zum Nachdenken und ermöglicht individuelle Entwicklung auf der Grundlage persönlicher Erfahrung. Er ist überzeugt, dass modernes Denken – Wissenschaft und Philosophie – und der Buddhismus in hohem Maße miteinander vereinbar sind. „Nehmen wir zum Beispiel die Quantenphysik: Die Analyse unendlich kleiner Teilchen hat zu denselben Schlussfolgerungen über die Natur der Realität geführt, zu denen Buddha vor 2500 Jahren gelangte, und man versteht heute, dass man nicht bestätigen kann, dass die Realität eine vom Beobachter unabhängige objektive Existenz hat. „Für Westler ist es relativ einfach, den Buddhismus zu verstehen und sich mit den Lehren zu identifizieren, aber sie müssen lernen, wie man Buddhist wird; sie neigen dazu, viele Informationen aufzunehmen, brauchen aber Anleitung, wie sie diese in die Praxis umsetzen können. Zum Beispiel verstehen sie, warum liebevolle Güte und Mitgefühl positive Werte sind, sind aber irgendwie ratlos, wie sie diese anwenden sollen. Das hat offensichtlich nichts damit zu tun, einer anderen Kultur anzuhängen oder Tibeter zu werden und seinen Namen in Tashi zu ändern – manche Westler sind darüber verwirrt. Die Lehren des Buddha sind nicht auf ein bestimmtes Ethos ausgerichtet“, erklärt Trinlay. „Buddhisten haben sich historisch gesehen an so unterschiedliche kulturelle Kontexte wie die in Indien, China, Afghanistan und Indonesien angepasst. „Mögliche Fallstricke sind für alle gleich, unabhängig von Nationalität oder Lebensstil. Wir alle sind den Fängen der Vergänglichkeit und des Todes ausgesetzt; negative Emotionen und Verwirrung plagen uns alle und schaffen immer mehr Schwierigkeiten für uns selbst und die Welt. Das gilt, egal ob man aus Tibet, Kanada, Nigeria oder sonst woher kommt.“ Zwar ist es sicherlich wahr, dass wir alle mit denselben Hindernissen und Schleiern zu kämpfen haben, doch soll sich das Tulku-System als Abkürzung entwickelt haben, um diese zu umgehen." (White 2005, Übers. mit DeepL, gekürzt)