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"'''Burgund, Frankreich, Sommer 1984.''' Schüler aus ganz Europa und darüber hinaus versammeln sich, um die Kalachakra-Einweihung von Kalu Rinpoche zu empfangen, einem der einflussreichsten Meister des tibetischen Buddhismus des 20. Jahrhunderts. Im Tempel des Zentrums herrscht reges Treiben bei den Vorbereitungen; die allgemeine Atmosphäre ist feierlich und festlich. Plötzlich knallt eine Tür zu, und alle schauen auf, um zu sehen, wer den Zauber gebrochen hat. Ein blondhaariger Junge und sein dunkeläugiger Freund rennen lachend und auf Tibetisch plappernd hindurch, dicht gefolgt von einem älteren Mönch, der sie hinausjagt. Mein Nachbar erzählt mir, dass der blonde Junge [[Trinlay Tulku Rinpoche]] ist, ein neunjähriger Reinkarnationsmeister, der Kalu Rinpoche überallhin begleitet. Man sagt, er sei so etwas wie ein Kobold, und er sieht auch so aus. Als die Einweihung ein paar Tage später tatsächlich stattfindet, nimmt Trinlay Tulku daran teil. In traditioneller Mönchsgewandung sitzt er in der Nähe von '''[[Kalu Rinpoche]]''' und stimmt in die allgemeinen Rezitationen ein. Während der gesamten Dauer der Veranstaltung zappelt er nicht herum und macht keinen Wirbel; angemessen ernst wirkt er vollkommen in seinem Element.  
"'''Burgund, Frankreich, Sommer 1984.''' Schüler aus ganz Europa und darüber hinaus versammeln sich, um die Kalachakra-Einweihung von Kalu Rinpoche zu empfangen, einem der einflussreichsten Meister des tibetischen Buddhismus des 20. Jahrhunderts. Im Tempel des Zentrums herrscht reges Treiben bei den Vorbereitungen; die allgemeine Atmosphäre ist feierlich und festlich. Plötzlich knallt eine Tür zu, und alle schauen auf, um zu sehen, wer den Zauber gebrochen hat. Ein blondhaariger Junge und sein dunkeläugiger Freund rennen lachend und auf Tibetisch plappernd hindurch, dicht gefolgt von einem älteren Mönch, der sie hinausjagt. Mein Nachbar erzählt mir, dass der blonde Junge [[Trinlay Tulku Rinpoche]] ist, ein neunjähriger Reinkarnationsmeister, der Kalu Rinpoche überallhin begleitet. Man sagt, er sei so etwas wie ein Kobold, und er sieht auch so aus. Als die Einweihung ein paar Tage später tatsächlich stattfindet, nimmt Trinlay [[Tulku]] daran teil. In traditioneller Mönchsgewandung sitzt er in der Nähe von '''[[Kalu Rinpoche]]''' und stimmt in die allgemeinen Rezitationen ein. Während der gesamten Dauer der Veranstaltung zappelt er nicht herum und macht keinen Wirbel; angemessen ernst wirkt er vollkommen in seinem Element.  


'''Frankreich, Frühjahr 2004.''' Drei hübsche junge Französinnen, die Arm in Arm um eine Stupa umrunden, unterhalten sich über ihren Dharma-Lehrer. „Es stimmt, er hat wirklich ein Händchen dafür, schwierige Konzepte einfach erscheinen zu lassen“, sagt eine. „Ja, aber wie soll man sich konzentrieren?“, entgegnet ihre Freundin, „er ist so attraktiv.“ „Komm drüber hinweg und hör zu“, sagt die dritte lachend. „Vielleicht lernst du ja sogar etwas!“ Der mittlerweile 29-jährige Trinlay Tulku Rinpoche erklärt 150 Menschen die Grundlagen des Buddhismus. Er sitzt schlicht auf einem niedrigen Thron unter einem großen Zelt, gekleidet in schicke französische Kleidung und mit einer stilvollen Frisur. Er kommuniziert durch seine Haltung, seine Hände und sein Lächeln. Obwohl er Französisch und Englisch gleichermaßen fließend spricht, unterläuft ihm gelegentlich in beiden Sprachen ein Versprecher, wobei das eine oder andere Wort andeutet, dass seine Muttersprache eine andere ist.  
'''Frankreich, Frühjahr 2004.''' Drei hübsche junge Französinnen, die Arm in Arm um eine Stupa umrunden, unterhalten sich über ihren Dharma-Lehrer. „Es stimmt, er hat wirklich ein Händchen dafür, schwierige Konzepte einfach erscheinen zu lassen“, sagt eine. „Ja, aber wie soll man sich konzentrieren?“, entgegnet ihre Freundin, „er ist so attraktiv.“ „Komm drüber hinweg und hör zu“, sagt die dritte lachend. „Vielleicht lernst du ja sogar etwas!“ Der mittlerweile 29-jährige Trinlay Tulku Rinpoche erklärt 150 Menschen die Grundlagen des Buddhismus. Er sitzt schlicht auf einem niedrigen Thron unter einem großen Zelt, gekleidet in schicke französische Kleidung und mit einer stilvollen Frisur. Er kommuniziert durch seine Haltung, seine Hände und sein Lächeln. Obwohl er Französisch und Englisch gleichermaßen fließend spricht, unterläuft ihm gelegentlich in beiden Sprachen ein Versprecher, wobei das eine oder andere Wort andeutet, dass seine Muttersprache eine andere ist.  
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Heute, mit dreißig Jahren, ist Trinlay Tulku Rinpoches Heimatbasis das Pariser Westufer. Er verbringt einen Teil des Jahres damit, in den USA, Europa und Asien zu lehren, Vorträge zu halten und Retreats zu leiten. Den Großteil seiner übrigen Zeit verbringt er mit Praxis, Studium und Forschung. Seine Freizeit verbringt er vielleicht in der Oper oder im Kino oder damit, auf seinem altmodischen Fahrrad durch die Stadt zu radeln. In Gesellschaft von Tibetern fügt er sich nahtlos ein. Ihm wird stets ein Ehrenplatz eingeräumt und man spricht ihn in der formellen tibetischen Sprache an, wie es seinem Status als Tulku gebührt. Viele seiner französischen Kollegen neigen ganz natürlich dazu, ihm gegenüber das „vous“ anstelle des vertraulicheren „tu“ zu verwenden. Er ist außerordentlich höflich und rücksichtsvoll und manchmal so ernst, dass er den Witz nicht versteht. Als leidenschaftlicher Lehrer mit einem Talent dafür, schwierige philosophische Punkte zu verdeutlichen, verfügt er über eine besondere Mischung aus klarer Sprache und aufrichtigem Enthusiasmus, die seinen einzigartigen Hintergrund widerspiegelt und Philosophen und Praktizierende aller Horizonte anspricht.  
Heute, mit dreißig Jahren, ist Trinlay Tulku Rinpoches Heimatbasis das Pariser Westufer. Er verbringt einen Teil des Jahres damit, in den USA, Europa und Asien zu lehren, Vorträge zu halten und Retreats zu leiten. Den Großteil seiner übrigen Zeit verbringt er mit Praxis, Studium und Forschung. Seine Freizeit verbringt er vielleicht in der Oper oder im Kino oder damit, auf seinem altmodischen Fahrrad durch die Stadt zu radeln. In Gesellschaft von Tibetern fügt er sich nahtlos ein. Ihm wird stets ein Ehrenplatz eingeräumt und man spricht ihn in der formellen tibetischen Sprache an, wie es seinem Status als Tulku gebührt. Viele seiner französischen Kollegen neigen ganz natürlich dazu, ihm gegenüber das „vous“ anstelle des vertraulicheren „tu“ zu verwenden. Er ist außerordentlich höflich und rücksichtsvoll und manchmal so ernst, dass er den Witz nicht versteht. Als leidenschaftlicher Lehrer mit einem Talent dafür, schwierige philosophische Punkte zu verdeutlichen, verfügt er über eine besondere Mischung aus klarer Sprache und aufrichtigem Enthusiasmus, die seinen einzigartigen Hintergrund widerspiegelt und Philosophen und Praktizierende aller Horizonte anspricht.  


Trinlay glaubt, dass der Buddhismus Westler anspricht, weil er keinen Glauben an sich verlangt; stattdessen gibt er Stoff zum Nachdenken und ermöglicht individuelle Entwicklung auf der Grundlage persönlicher Erfahrung. Er ist überzeugt, dass modernes Denken – Wissenschaft und Philosophie – und der Buddhismus in hohem Maße miteinander vereinbar sind. „Nehmen wir zum Beispiel die Quantenphysik: Die Analyse unendlich kleiner Teilchen hat zu denselben Schlussfolgerungen über die Natur der Realität geführt, zu denen Buddha vor 2500 Jahren gelangte, und man versteht heute, dass man nicht bestätigen kann, dass die Realität eine vom Beobachter unabhängige objektive Existenz hat. „Für Westler ist es relativ einfach, den Buddhismus zu verstehen und sich mit den Lehren zu identifizieren, aber sie müssen lernen, wie man Buddhist wird; sie neigen dazu, viele Informationen aufzunehmen, brauchen aber Anleitung, wie sie diese in die Praxis umsetzen können. Zum Beispiel verstehen sie, warum liebevolle Güte und Mitgefühl positive Werte sind, sind aber irgendwie ratlos, wie sie diese anwenden sollen. Das hat offensichtlich nichts damit zu tun, einer anderen Kultur anzuhängen oder Tibeter zu werden und seinen Namen in Tashi zu ändern – manche Westler sind darüber verwirrt. Die Lehren des Buddha sind nicht auf ein bestimmtes Ethos ausgerichtet“, erklärt Trinlay. „Buddhisten haben sich historisch gesehen an so unterschiedliche kulturelle Kontexte wie die in Indien, China, Afghanistan und Indonesien angepasst. „Mögliche Fallstricke sind für alle gleich, unabhängig von Nationalität oder Lebensstil. Wir alle sind den Fängen der Vergänglichkeit und des Todes ausgesetzt; negative Emotionen und Verwirrung plagen uns alle und schaffen immer mehr Schwierigkeiten für uns selbst und die Welt. Das gilt, egal ob man aus Tibet, Kanada, Nigeria oder sonst woher kommt.“ Zwar ist es sicherlich wahr, dass wir alle mit denselben Hindernissen und Schleiern zu kämpfen haben, doch soll sich das Tulku-System als Abkürzung entwickelt haben, um diese zu umgehen.  
Trinlay glaubt, dass der Buddhismus Westler anspricht, weil er keinen Glauben an sich verlangt; stattdessen gibt er Stoff zum Nachdenken und ermöglicht individuelle Entwicklung auf der Grundlage persönlicher Erfahrung. Er ist überzeugt, dass modernes Denken – Wissenschaft und Philosophie – und der Buddhismus in hohem Maße miteinander vereinbar sind. „Nehmen wir zum Beispiel die Quantenphysik: Die Analyse unendlich kleiner Teilchen hat zu denselben Schlussfolgerungen über die Natur der Realität geführt, zu denen Buddha vor 2500 Jahren gelangte, und man versteht heute, dass man nicht bestätigen kann, dass die Realität eine vom Beobachter unabhängige objektive Existenz hat. „Für Westler ist es relativ einfach, den Buddhismus zu verstehen und sich mit den Lehren zu identifizieren, aber sie müssen lernen, wie man Buddhist wird; sie neigen dazu, viele Informationen aufzunehmen, brauchen aber Anleitung, wie sie diese in die Praxis umsetzen können. Zum Beispiel verstehen sie, warum liebevolle Güte und Mitgefühl positive Werte sind, sind aber irgendwie ratlos, wie sie diese anwenden sollen. Das hat offensichtlich nichts damit zu tun, einer anderen Kultur anzuhängen oder Tibeter zu werden und seinen Namen in Tashi zu ändern – manche Westler sind darüber verwirrt. Die Lehren des Buddha sind nicht auf ein bestimmtes Ethos ausgerichtet“, erklärt Trinlay. „Buddhisten haben sich historisch gesehen an so unterschiedliche kulturelle Kontexte wie die in Indien, China, Afghanistan und Indonesien angepasst. „Mögliche Fallstricke sind für alle gleich, unabhängig von Nationalität oder Lebensstil. Wir alle sind den Fängen der Vergänglichkeit und des Todes ausgesetzt; negative Emotionen und Verwirrung plagen uns alle und schaffen immer mehr Schwierigkeiten für uns selbst und die Welt. Das gilt, egal ob man aus Tibet, Kanada, Nigeria oder sonst woher kommt.“ Zwar ist es sicherlich wahr, dass wir alle mit denselben Hindernissen und Schleiern zu kämpfen haben, doch soll sich das Tulku-System als Abkürzung entwickelt haben, um diese zu umgehen." (White 2005, Übers. mit DeepL, gekürzt)


=Tulku=
Trinlays Definition eines Tulku lautet: „Jemand, der wie jeder andere wiedergeboren wird, aber frei von der Willkür der Wiedergeburt ist. Es ist, als müssten wir nicht bei Null anfangen.“ Nach dem Tod ermöglicht die spirituelle Reife eines Tulku ihm (oder ihr, doch weibliche Tulkus sind selten), einen neuen physischen Körper zu wählen, der es ihm erlaubt, weiterhin anderen zu helfen. Tulku-Linien haben ihren Ursprung in Tibet bei den Karmapas der Kagyü-Schule. Vor seinem Tod sagte der große verwirklichte Meister [[Düsum Khyenpa]] (1110–1193), der Erste Karmapa, seine eigene Wiedergeburt als Zweiter [[Karmapa]], [[Karma Pakshi]] (1204–1283), voraus, der somit der erste Tulku war, der offiziell als solcher anerkannt wurde. Somit ist die älteste institutionalisierte, ununterbrochene Linie wiedergeborener, verwirklichter Meister die der Karmapas. Im Vergleich dazu könnte man sagen, dass die Linie des Dalai Lama erst mit dem zweiten Dalai Lama, Gendun Gyatso, fast drei Jahrhunderte später begann. Die Anerkennung von Tulkus kann auf vielen verschiedenen Faktoren beruhen, darunter schriftliche Anweisungen, die der Vorgänger hinterlassen hat, Visionen anderer erleuchteter Meister und der berühmte [[Test]] der „Auswahl der Praxisinstrumente der vorherigen Inkarnation“. Letzterer wurde traditionell für die höchsten Lamas verwendet, doch offenbar ist es üblich, dass die Begleiter der vorherigen Inkarnation eines Tulkus das kleine Kind hinter verschlossenen Türen auf die Probe stellen, „nur um sicherzugehen“. Viele Tulkus behaupten bereits als Kinder, sie seien tatsächlich dieser oder jener Lama, und teilen dies ihren Angehörigen mit. Das gesamte System ist Gegenstand einiger Kontroversen, selbst unter jenen, die nicht an der Plausibilität einer kontrollierten Wiedergeburt zweifeln, da es das Potenzial für Irrtümer oder Manipulationen zu politischen Zwecken birgt. Der berühmte Meister Jamgön Kongtrul der Große (1813–1899) berichtete in seiner Autobiografie, dass er selbst als Reinkarnation anerkannt wurde, um sicherzustellen, dass „Kopfjäger“ aus anderen Klöstern ihn nicht aus Pelpung entführen würden. Trinlay Tulku Rinpoche erklärt, dass es viele verschiedene Kategorien von Tulkus gibt. Tulkus können Emanationen großer Bodhisattvas sein, die menschliche Gestalt annehmen, wie beispielsweise die Karmapas, inkarnierte Meister mit unterschiedlichem Verwirklichungsgrad oder Menschen, die vielleicht großes spirituelles Potenzial haben oder auch nicht, aber aus politischen Gründen anerkannt wurden. Er ist der Ansicht, dass das Tulku-System im Hinblick auf die Bewahrung des Dharma entbehrlich ist; andere buddhistische Schulen kommen ohne es gut zurecht, und eine große Zahl berühmter tibetischer Meister hat große Verwirklichung erlangt, ohne Teil davon zu sein. Es hat jedoch auch seine Vorteile. Ein authentischer Tulku verfügt über ein angeborenes spirituelles Potenzial, eine Kraft, die unter richtiger Ausbildung zur Entfaltung kommt und so eine wirksame Weitergabe der Lehren gewährleistet. Vielleicht sind es also der Prunk und die Zeremonien rund um das Tulku-System, die in gewisser Weise entbehrlich sind. „Die traditionelle tibetische Gesellschaft hat im Großen und Ganzen aufgehört zu existieren, und im Allgemeinen muss sich ein Tulku heute den Respekt erst verdienen, der ihm in der Vergangenheit zustehen würde. Wenn man sich die heutigen prominenten wiedergeborenen Lamas ansieht, sind das alles Menschen, die Eigenschaften besitzen, die ihnen diese Achtung einbringen. Jeder kann einen prächtigen Thron bauen, darauf sitzen und sich Rinpoche nennen, aber die Qualität der Verwirklichung einer Person ist das wahre Kriterium“, sagt er.
Die meisten, aber sicherlich nicht alle tibetischen Lamas, die im Westen einen echten Einfluss hatten, waren Reinkarnierte. Während einige von ihnen perfekt unserer Vorstellung entsprechen, wie eine heilige Person aussehen und sich verhalten sollte, tun andere dies ganz entschieden nicht. Wo wir Zölibat erwarten, erfahren wir vielleicht von gesundem sexuellen Verlangen; wo wir Abstinenzler vermuten, sehen wir vielleicht Zecher; wo wir uns ernsthafte Würde vorstellen, erleben wir vielleicht gelegentliche Ausbrüche absolut unvorhersehbaren Verhaltens. Der tibetische Buddhismus ist so – große Meister gibt es in allen Schattierungen. Der gemeinsame Nenner ist ihre spirituelle Kraft und ihre Fähigkeit, Schüler bei der Entwicklung von Mitgefühl und Weisheit anzuleiten. Die Tatsache, dass es kein staatlich anerkanntes Rinpoche-Modell gibt, an dem man sich orientieren könnte, hat bei aufrichtigen Praktizierenden zu großer Verwirrung, Kopfzerbrechen und sogar Verzweiflung geführt. Wie soll man seinen Guru wählen? Wie soll man sich ihm oder ihr gegenüber verhalten? Trinlay Tulku Rinpoche meint, dass man, um diese Fragen zu beantworten, zunächst genau prüfen muss, was die eigenen Erwartungen sind. „Die Idee der Meister-Schüler-Beziehung ist eigentlich ganz einfach: Eine Person hilft einer anderen, sich selbst zu helfen. Im Westen missverstehen manche Praktizierende möglicherweise, was dies bedeutet. Sie haben sich nicht hingesetzt und die Biografien der großen Meister-Schüler-Beziehungen gelesen, sind aber dennoch davon überzeugt, dass sie dringend einen Wurzel-Guru finden müssen. Was wir jedoch im Vajrayana, der Schule des Buddhismus, die in ganz Tibet, der Mongolei und so weiter praktiziert wird, unter einer authentischen Meister-Schüler-Beziehung verstehen, ist eine, in der beide Parteien sehr hoch qualifiziert sind. „Was wir im Westen haben, ist eher eine Lehrer-Schüler-Beziehung. Um den Dharma richtig zu praktizieren, müssen wir von einem geeigneten Lehrer angeleitet werden. Alle authentischen Lehrer verfügen über drei grundlegende Eigenschaften: Sie besitzen Wissen und Erfahrung, die auf ihrer eigenen Ausbildung beruhen, sie halten sich an den buddhistischen Ethikkodex gemäß den Gelübden, die sie abgelegt haben, und sie sind von Liebe und Mitgefühl motiviert und nicht von weltlichen Begierden. „Wenn du bei einer solchen Person studierst, kannst du vielleicht etwas lernen. Sie kann dir helfen, Bodhichitta – den erwachten Geist – zu entwickeln und die Leerheit zu verstehen, dir vollständige Anweisungen zur Meditationspraxis geben, dir Einweihungen erteilen und so weiter. Letztendlich kann sie dich dazu führen, die Natur des Geistes zu erkennen. Den Tantras zufolge sind dies die Eigenschaften, die einen Wurzelguru ausmachen. Aber es liegt an dir, zuerst ein guter Schüler zu werden; dann wird sich der Wurzelguru auf natürliche Weise manifestieren.“ Wenn er unterrichtet, konzentriert sich Trinlay Tulku Rinpoche oft auf die Bedeutung der Grundlagen der Praxis. Er rät Anfängern davon ab, sich sofort in die tieferen esoterischen Lehren zu stürzen. „Viele Westler erhalten Einweihungen und Anweisungen zu fortgeschrittenen visualisationsbasierten Praktiken, ohne sich zuvor angemessen vorbereitet zu haben“, sagt er. „Ihre Schwierigkeiten mit diesen Praktiken rühren weniger von kulturellen Barrieren und der ‚Fremdheit‘ des Ansatzes her als vielmehr von mangelnder Vorbereitung – sie wissen nicht wirklich, was sie tun oder warum sie es tun. Um sich auf die Tantras einzulassen, muss man Zuflucht, Bodhichitta und ein gewisses Verständnis der Leerheit entwickelt haben. Andernfalls ist [[Tantra]] bedeutungslos.
Viele Westler, die eine solide Grundlage in der Praxis gelegt haben, können sich auf diese Art von Training einlassen und tun dies auch, oft mit sehr positiven Ergebnissen.“ Er erklärt, dass diese Grundlage mit der Kontemplation der Ersten Edlen Wahrheit, der Wahrheit des Leidens, beginnt. „Wir sagen nicht, dass dies die Vorstellung ist, die man von der Welt haben sollte, sodass man zum Pessimisten wird und alles in einem negativen Licht sieht. Was wir sagen, ist, dass man die Realität so sehen muss, wie sie ist, ohne sich Geschichten darüber zu erzählen. Sobald man dies getan hat, hat man den ersten Schritt in Richtung Freiheit getan. Wenn du dir weiterhin Geschichten über die Realität erzählst, entscheidest du dich dafür, an deine Verwirrung und deine Illusionen gefesselt zu bleiben. Unser Ziel ist es, befreit zu werden, diese Ketten zu durchtrennen; letztendlich geht es darum, Befreiung zu erlangen und ein Buddha zu werden. „Das bedeutet nicht, dass du dich als diesen oder jenen Buddhisten bezeichnen musst – wenn du dich wirklich verwandeln willst, gibt es nur einen Weg. Die Struktur und die Sprache mögen je nach der Tradition, die du praktizierst, variieren, aber der grundlegenden Realität muss man sich unabhängig von der Schule stellen. Wenn du dich als Buddhist bezeichnest, dich aber weiterhin selbst belügst, wenn du denkst, dass [[Samsara]] zu einem erstrebenswerten Zustand werden kann, wenn du Hintergedanken hast, dann erzählst du dir nur weitere Geschichten, selbst wenn du glaubst, Zuflucht zu nehmen. „Zuflucht ist ein Grundprinzip, das allen buddhistischen Traditionen gemeinsam ist. Sie ermöglicht es uns, uns der Realität zu stellen und unseren Geist von dem, was unzuverlässig ist, dem zuzuwenden, was zuverlässig ist. Einer der grundlegenden Punkte der Zuflucht ist genau das: Samsara anzuerkennen, einen langen, kritischen Blick auf die Welt zu werfen und sie so zu sehen, wie sie ist. „Wenn du dich fragst, was der Buddhismus dir zu bieten hat, lautet die Antwort: nichts. Wenn du denkst, dass es dir alle möglichen Annehmlichkeiten und Zusatzvorteile bringt, Buddhist zu werden, vergiss es. Es gibt keinen Traumgewinn, kein Paradies mit jungfräulichen Vestalinnen“, sagt er mit einem Grinsen. „Was es dir helfen kann, ist, deine Verwirrung und deine Neurosen zu durchschneiden. Es kann dir helfen, dich selbst im Hier und Jetzt zu verstehen und hoffentlich den Boden für eine positivere Zukunft zu bereiten. Der Buddhismus ist unglaublich relevant für die heutige Welt. Er ist 2500 Jahre alt, aber immer noch die intelligenteste Antwort auf die Bedürfnisse der Menschen.“ Ob er nun mit dem Fahrrad durch Paris fährt oder Segnungen erteilt, ob er mit Freunden debattiert oder gemeinsam mit anderen hohen Lamas an Ritualen und Einweihungen teilnimmt – Trinlay vermittelt den Eindruck, dass er zu Hause ist. Es scheint, als habe sich Rudyard Kipling geirrt, als er schrieb: „Oh, der Osten ist der Osten, und der Westen ist der Westen, und niemals werden sich die beiden treffen.“ Bei Trinlay Tulku Rinpoche, wo auch immer er sich gerade manifestiert, haben sich die beiden getroffen.
'''Pamela Gayle White''' ist Seelsorgerin in einem Hospiz in Zentral-Virginia. Sie hat Dutzende von Artikeln verfasst und einen Podcast zum Thema Ausbildung und Arbeit in der Seelsorge für Tricycle erstellt, wo sie als Redakteurin tätig ist. Außerdem unterrichtet sie im Bodhi-Path-Netzwerk und in der breiteren Gemeinschaft." (White 2005, Übers. mit DeepL, gekürzt)




[[Kategorie:Literatur]]
[[Kategorie:Literatur]]

Aktuelle Version vom 21. März 2026, 19:02 Uhr

White, Pamela Gayle (2005): East is West. Pamela Gayle White porträtiert Karma Trinlay Rinpoche. In: Tricycle, Summer 2005


"Burgund, Frankreich, Sommer 1984. Schüler aus ganz Europa und darüber hinaus versammeln sich, um die Kalachakra-Einweihung von Kalu Rinpoche zu empfangen, einem der einflussreichsten Meister des tibetischen Buddhismus des 20. Jahrhunderts. Im Tempel des Zentrums herrscht reges Treiben bei den Vorbereitungen; die allgemeine Atmosphäre ist feierlich und festlich. Plötzlich knallt eine Tür zu, und alle schauen auf, um zu sehen, wer den Zauber gebrochen hat. Ein blondhaariger Junge und sein dunkeläugiger Freund rennen lachend und auf Tibetisch plappernd hindurch, dicht gefolgt von einem älteren Mönch, der sie hinausjagt. Mein Nachbar erzählt mir, dass der blonde Junge Trinlay Tulku Rinpoche ist, ein neunjähriger Reinkarnationsmeister, der Kalu Rinpoche überallhin begleitet. Man sagt, er sei so etwas wie ein Kobold, und er sieht auch so aus. Als die Einweihung ein paar Tage später tatsächlich stattfindet, nimmt Trinlay Tulku daran teil. In traditioneller Mönchsgewandung sitzt er in der Nähe von Kalu Rinpoche und stimmt in die allgemeinen Rezitationen ein. Während der gesamten Dauer der Veranstaltung zappelt er nicht herum und macht keinen Wirbel; angemessen ernst wirkt er vollkommen in seinem Element.

Frankreich, Frühjahr 2004. Drei hübsche junge Französinnen, die Arm in Arm um eine Stupa umrunden, unterhalten sich über ihren Dharma-Lehrer. „Es stimmt, er hat wirklich ein Händchen dafür, schwierige Konzepte einfach erscheinen zu lassen“, sagt eine. „Ja, aber wie soll man sich konzentrieren?“, entgegnet ihre Freundin, „er ist so attraktiv.“ „Komm drüber hinweg und hör zu“, sagt die dritte lachend. „Vielleicht lernst du ja sogar etwas!“ Der mittlerweile 29-jährige Trinlay Tulku Rinpoche erklärt 150 Menschen die Grundlagen des Buddhismus. Er sitzt schlicht auf einem niedrigen Thron unter einem großen Zelt, gekleidet in schicke französische Kleidung und mit einer stilvollen Frisur. Er kommuniziert durch seine Haltung, seine Hände und sein Lächeln. Obwohl er Französisch und Englisch gleichermaßen fließend spricht, unterläuft ihm gelegentlich in beiden Sprachen ein Versprecher, wobei das eine oder andere Wort andeutet, dass seine Muttersprache eine andere ist.

Eltern

Als Trinlay Tulkus Mutter mit ihm schwanger war, war sie sich sicher, dass sie einen buddhistischen Lehrer, einen Mönch, in sich trug. Obwohl sie selbst noch keine Buddhistin war, war Anne [ich nenne auf Wunsch von Trinlay Tulku nur die Vornamen seiner Eltern] so etwas wie ein Freigeist, ein Kind der amerikanischen Sechziger- und Siebzigerjahre. Sie hatte an der Schule östliche Philosophie studiert, und der Buddhismus sprach sie an. Trinlays Vater, ein Mitglied des französischen Parlaments, war mit den Grundsätzen des Buddhismus vertraut und daran interessiert, mehr zu erfahren. Einige Tage vor der Geburt seines Sohnes befand sich Jean-Louis in einem Pariser Hotel. Dort sah er Schilder, die darauf hinwiesen, dass der Sechzehnte Karmapa, Oberhaupt der Karma-Kagyü-Linie des tibetischen Buddhismus, in einem der unteren Stockwerke die Schwarze-Krone-Zeremonie abhielt. Es heißt, wer den Karmapa mit der Schwarzen Krone sieht, erhalte einen großen Segen und werde schließlich Erleuchtung erlangen. Neugierig geworden, folgte Jean-Louis den Hinweisen und betrat den Saal, in dem die Zeremonie gerade beginnen sollte. Er nahm auf der Stelle Zuflucht und ging tief beeindruckt, voller Sehnsucht nach mehr Kontakt. Als ihr Kind geboren wurde, benannte das junge Paar es nach dem Cousin Buddhas, Ananda.

Zuflucht

Ein Jahr später reiste die Familie in den Urlaub nach Indien, in der Hoffnung, den Karmapa öfter zu sehen, obwohl sie nicht genau wussten, wo sie ihn finden würden. Sie fuhren zunächst nach Darjeeling in Indien, wo sie von Freunden erfuhren, dass sich der Karmapa zwar in Nepal aufhielt, der große Meister Kalu Rinpoche, Oberhaupt der Shangpa-Linie, jedoch in der Nähe weilt. Sie suchten ihn auf, und Anne nahm bei ihm Zuflucht und bat ihn, auch ihrem Sohn Ananda Zuflucht zu gewähren. Kalu Rinpoche lehnte dies ab und sagte, es sei nicht seine Aufgabe, dem Jungen Zuflucht zu gewähren. Verwirrt darüber reisten sie kurz darauf nach Nepal, um den Karmapa zu sehen.

Als sie ihn fanden, rannte der damals vierzehn Monate alte Ananda auf ihn zu und sprang ihm in die Arme. Der Karmapa sagte, er werde dem Jungen sofort Zuflucht gewähren, und so tat er es auch. Ananda wurde zu Trinlay. „Irgendwie verstand ich intuitiv, was der Karmapa mir sagte“, sagt Trinlay heute. „Die buddhistischen Gebote ergaben für das Kind, das ich war, vollkommen Sinn, und mein größter Wunsch war es, sie zu befolgen. Ich vertraute dem Buddha und seinen Lehren und wollte nach Erleuchtung streben. Außerdem zeigten sich allmählich die Neigungen meines Vorgängers, und ich sehnte mich danach, in einem Kloster zu leben.“

Die Familie mietete ein Haus in Nepal, wohin sie regelmäßig in den Ferien zurückkehrten. Wann immer sie dort waren, drängte Trinlay seine Eltern, ihn zu Stupas und Tempeln mitzunehmen, und bat wiederholt darum, bei Mönchen bleiben zu dürfen. Seine Mutter sagt, er habe begonnen, Menschen zu erkennen, die er nie zuvor gesehen hatte, und Erinnerungen aus einem anderen Leben zu erleben. Als er zwei Jahre alt war, beschloss er, dass es genug sei, packte einen kleinen Koffer und rannte aus dem Tor. Seine Mutter sah ihn gehen und schrie; Leute kamen herbeigelaufen, um ihn einzufangen. Als sie ihn zurückbrachten, schrie er: „Ich will weg, lasst mich gehen!“ Kurz darauf wurde Trinlay vom Karmapa offiziell als die physische Inkarnation, oder Tulku, von Khakyab Rinpoche anerkannt, einem Karma-Kagyü-Meister aus Westtibet, der jung verstorben war. Vor seinem Tod hatte er ein Gedicht geschrieben, in dem er erklärte, dass er im Westen wiedergeboren werden würde.

Bei Kalu Rinpoche

Khakyab Rinpoche hatte Kalu Rinpoche sehr nahegestanden, und als Trinlay seine Eltern mit wiederholten Bitten, bei den Mönchen leben zu dürfen, zermürbt hatte, nahm Kalu Rinpoche den damals dreijährigen Jungen unter seine Fittiche. In seiner frühen Kindheit verbrachte der Junge seine Zeit abwechselnd bei seiner Familie und bei Kalu Rinpoche. Als er vier oder fünf Jahre alt war, begann er, Kalu Rinpoche auf seinen Reisen zu begleiten und sah seine Eltern immer seltener. Anne, seine Mutter, sagt, dass Trinlay schon als kleines Kind oft und überzeugend von seinem früheren Leben sprach, und sie glaubte ihm.

Sobald er als Tulku anerkannt war, schien es offensichtlich, dass er eine besondere Unterweisung benötigte, um sein Potenzial entfalten zu können. Obwohl ihre Entscheidung, ihn Kalu Rinpoche anzuvertrauen, manche Menschen schockierte – „Wie konntet ihr das eurem Kind antun?“, wurde Anne gefragt –, waren sie und Jean-Louis überzeugt, dass das Aufwachsen bei Kalu Rinpoche und den anderen Lamas die beste Erziehung war, die er erhalten konnte. „Ich bin in einem sehr privilegierten Milieu aufgewachsen“, sagt Anne, „unter Millionären, Debütantinnen, Rockstars, Politikern. Keiner von ihnen war besonders glücklich. Die Lamas waren es, die den Schlüssel zum wahren Glück hatten. Durch sie konnte mein Kind lernen, wovon die meisten Menschen ein Leben lang nur einen flüchtigen Eindruck bekommen. Ich wünschte, jemand hätte mich Rinpoche übergeben, als ich drei war!“ Als sie in Indien waren, wohnte Trinlay Tulku bei Kalu Rinpoche in dessen Kloster Samdrup Tarjay Chöling in Sonada, nahe Darjeeling, und Anne lebte in der Nähe. Sie sah ihren Sohn fast täglich; sie sagt, hätte sie auch nur einen Moment lang das Gefühl gehabt, dass etwas nicht in Ordnung sei, hätte sie „eingeschritten und ihn mitgenommen“. Bei Kalu Rinpoche erhielt Trinlay eine traditionelle Tulku-Ausbildung, komplett mit Tutoren, Lehrern und einem ziemlich strengen Disziplinarmönch. Umgeben von Erwachsenen, gibt er zu, dass er sich manchmal wie ein kleiner Prinz fühlte. „Ich konnte auch ein bisschen schelmisch sein, aber alle waren furchtbar nett zu mir.“ Er sagt, dass er gerne ab und zu mit anderen Kindern spielte, aber deren Prioritäten nicht immer verstand. Es war nicht so, dass er sich von der Außenwelt abgeschnitten fühlte, es war nur so, dass das Studium und seine persönliche Praxis im Mittelpunkt standen.

Trinlay begleitete Kalu Rinpoche bei Ritualen und reiste mit ihm, wenn dieser auf Lehrreisen ging. Sein Leben auf Reisen stand in starkem Kontrast zu seinem Leben in Indien, wo er auf einem harten Bett schlief, sich mit kaltem Wasser wusch und einfache Kost aß. Wenn er Kalu Rinpoche nach Südostasien, in die Vereinigten Staaten oder nach Europa begleitete, musste er sich durch endlose Bankette quälen, Marathon-Zeremonien über sich ergehen lassen und seine Verwandten besuchen. Er lernte, ein kulturelles Chamäleon zu sein, jede Situation, in der er sich befand, zu akzeptieren und sich ihr anzupassen. Zu jeder Zeit, sagt er, zeigte ihm Kalu Rinpoche tiefste Güte und half ihm, über die großen Fragen von Leben und Tod nachzudenken. Seine Situation passte perfekt zu ihm. „Meine Kindheit war ganz anders als die westlicher Kinder, die mit nur einer Kultur aufwachsen“, sagt er. „In ihrem Umfeld wäre ich unglücklich gewesen. Ich hätte mich fehl am Platz gefühlt.“

Bei Lama Tönsang und Abitur (Bac)

Als Trinlay zehn Jahre alt war, schloss er sich anderen Tulkus in Darjeeling für ein Studienjahr an und wurde anschließend in ein Dharma-Zentrum in den französischen Alpen geschickt, wo seine Ausbildung unter der Leitung von Lama Tönsang fortgesetzt wurde, einem hoch angesehenen Lama aus Osttibet, den er als „streng, aber gerecht“ beschreibt. Parallel zu seiner strengen Dharma-Ausbildung unterrichteten ihn Privatlehrer in Französisch und Englisch und vermittelten ihm eine intensive westliche Bildung, die dazu führte, dass er das Bac bestand – das anspruchsvolle französische Äquivalent zum Abitur –, obwohl er nie in einer Schule gelernt hatte. Er sorgte landesweit für Schlagzeilen, als er als erster in Frankreich Tibetisch als zweite Sprache für das Bac beantragte. Solange Trinlay sich erinnern konnte, war es sein größter Wunsch, sein Verständnis des Dharma zu vertiefen, doch interessierte er sich auch für westliche Wissenschaft und Philosophie. Er stellte sich vor, eine Brücke zwischen den beiden Welten, Ost und West, zu schlagen.

Studium

Nach Abschluss des Bac teilte Trinlay seine Zeit zwischen dem Studium bei gelehrten tibetischen Gelehrten in Indien und dem Studium an einer Universität in Frankreich auf. Seine Wertschätzung für die klassischen Philosophen wie Platon und Aristoteles hält bis heute an. „Sie haben viel gemeinsam – mehr als allgemein angenommen wird – mit den großen asiatischen Meistern. Sie alle stellen dieselben Fragen: Wer sind wir? Wie definieren wir die Realität? Was ist der Geist? Wie sollen wir unser Leben leben? Wie können wir dem Tod begegnen? Was geschieht, nachdem wir gestorben sind? Während alle Denkschulen Vernunft, Logik und eine ausgefeilte Sprache verwenden, können ihre Schlussfolgerungen radikal unterschiedlich sein. Es gibt zwar einige Gemeinsamkeiten, doch der Buddhismus hat seine Besonderheiten: Die buddhistische Sichtweise der Leerheit oder Wesenslosigkeit ist ein offensichtliches Beispiel.“

In Paris

Heute, mit dreißig Jahren, ist Trinlay Tulku Rinpoches Heimatbasis das Pariser Westufer. Er verbringt einen Teil des Jahres damit, in den USA, Europa und Asien zu lehren, Vorträge zu halten und Retreats zu leiten. Den Großteil seiner übrigen Zeit verbringt er mit Praxis, Studium und Forschung. Seine Freizeit verbringt er vielleicht in der Oper oder im Kino oder damit, auf seinem altmodischen Fahrrad durch die Stadt zu radeln. In Gesellschaft von Tibetern fügt er sich nahtlos ein. Ihm wird stets ein Ehrenplatz eingeräumt und man spricht ihn in der formellen tibetischen Sprache an, wie es seinem Status als Tulku gebührt. Viele seiner französischen Kollegen neigen ganz natürlich dazu, ihm gegenüber das „vous“ anstelle des vertraulicheren „tu“ zu verwenden. Er ist außerordentlich höflich und rücksichtsvoll und manchmal so ernst, dass er den Witz nicht versteht. Als leidenschaftlicher Lehrer mit einem Talent dafür, schwierige philosophische Punkte zu verdeutlichen, verfügt er über eine besondere Mischung aus klarer Sprache und aufrichtigem Enthusiasmus, die seinen einzigartigen Hintergrund widerspiegelt und Philosophen und Praktizierende aller Horizonte anspricht.

Trinlay glaubt, dass der Buddhismus Westler anspricht, weil er keinen Glauben an sich verlangt; stattdessen gibt er Stoff zum Nachdenken und ermöglicht individuelle Entwicklung auf der Grundlage persönlicher Erfahrung. Er ist überzeugt, dass modernes Denken – Wissenschaft und Philosophie – und der Buddhismus in hohem Maße miteinander vereinbar sind. „Nehmen wir zum Beispiel die Quantenphysik: Die Analyse unendlich kleiner Teilchen hat zu denselben Schlussfolgerungen über die Natur der Realität geführt, zu denen Buddha vor 2500 Jahren gelangte, und man versteht heute, dass man nicht bestätigen kann, dass die Realität eine vom Beobachter unabhängige objektive Existenz hat. „Für Westler ist es relativ einfach, den Buddhismus zu verstehen und sich mit den Lehren zu identifizieren, aber sie müssen lernen, wie man Buddhist wird; sie neigen dazu, viele Informationen aufzunehmen, brauchen aber Anleitung, wie sie diese in die Praxis umsetzen können. Zum Beispiel verstehen sie, warum liebevolle Güte und Mitgefühl positive Werte sind, sind aber irgendwie ratlos, wie sie diese anwenden sollen. Das hat offensichtlich nichts damit zu tun, einer anderen Kultur anzuhängen oder Tibeter zu werden und seinen Namen in Tashi zu ändern – manche Westler sind darüber verwirrt. Die Lehren des Buddha sind nicht auf ein bestimmtes Ethos ausgerichtet“, erklärt Trinlay. „Buddhisten haben sich historisch gesehen an so unterschiedliche kulturelle Kontexte wie die in Indien, China, Afghanistan und Indonesien angepasst. „Mögliche Fallstricke sind für alle gleich, unabhängig von Nationalität oder Lebensstil. Wir alle sind den Fängen der Vergänglichkeit und des Todes ausgesetzt; negative Emotionen und Verwirrung plagen uns alle und schaffen immer mehr Schwierigkeiten für uns selbst und die Welt. Das gilt, egal ob man aus Tibet, Kanada, Nigeria oder sonst woher kommt.“ Zwar ist es sicherlich wahr, dass wir alle mit denselben Hindernissen und Schleiern zu kämpfen haben, doch soll sich das Tulku-System als Abkürzung entwickelt haben, um diese zu umgehen." (White 2005, Übers. mit DeepL, gekürzt)