Grund-Pfad-Frucht
- Grund bezeichnet die Erlebenswelt von Wesen, die sich der Natur des Geistes nicht bewusst sind
- Frucht bezeichnet die Erlebenswelt des Geistes in seinem natürlichen Zustand, wie ihn erleuchtete Wesen erleben
- Pfad bezeichnet den Entwicklungsweg zwischen Grund und Frucht
Perspektiven tibetischer Dharma-Traditionen
"Nach Auffassung von Katog Kyentse Jamyang-Chökyi-Lodrö, einem Meister der nicht-sektiererischen Rime-Bewegung, erklären die Gelugpas aus dem Blickwinkel des Grundes, also dem der gewöhnlichen Wesen, der Nicht-Buddhas. Die Sakyapas erklären aus dem Blickwinkel des Pfades, also derer, die auf dem Pfad zur Erleuchtung schon extrem weit fortgeschritten sind. Die Kagyüpas und Nyingmapas erklären aus dem Blickwinkel der Frucht, das heißt dem eines Buddha. Da dieser Unterschied ziemlich tiefgehend und schwer zu verstehen ist, lassen Sie mich hier lediglich einen Ausgangspunkt aufzeigen, von dem aus dieses Thema erforscht werden kann.
Aus dem Blickwinkel des Grundes kann man nicht gleichzeitig den Fokus auf Leerheit und Erscheinung richten. Deshalb erklären die Gelugpas sogar die Meditation eines Aryas über die Leerheit aus diesem Blickwinkel. Ein Arya ist ein hochverwirklichtes Wesen mit geradeaus gerichteter, unbegrifflicher Wahrnehmung der Leerheit. Die Kagyüpas und Nyingmapas betonen die Nicht-Trennbarkeit der beiden Wahrheiten Leerheit und Erscheinung. Aus dem Blickwinkel eines Buddha kann man unmöglich nur von Leerheit oder nur von Erscheinung sprechen. Deshalb sprechen sie aus einem Blickwinkel, von dem aus alles schon vollständig und perfekt ist. Die Bön-Darstellung des Dzogchen stimmt mit dieser Art der Erklärung überein. Ein Beispiel der Sakya-Darstellung aus dem Blickwinkel des Pfades ist die Auffassung, dass der Geist des Klaren Lichts (das subtilste Gewahrsein jedes individuellen Wesens) glückselig ist. Wenn das wahr wäre auf der Ebene des Grundes, dann wäre der Geist des Klaren Lichts, der sich im Tode manifestiert, glückselig, was er nicht ist. Auf dem Pfad jedoch verwandelt man den Geist des Klaren Lichts in einen glückseligen Geist. Wenn also die Sakyapas von dem Geist des Klaren Lichts als glückselig sprechen, so tun sie das aus dem Blickwinkel des Pfades."(Studybuddhism)