Lojong-Geistestraining
Das Geistestraining in sieben Punkten
Die Lojong-Geistesschulung (Tib blo sbyong) ist eine geistige Trainingspraxis, die im 12ten Jahrhundert in Tibet von Chekawa Yeshe Dorje formuliert wurde. Sie ist eine Tradition der tibetisch-buddhistischen Praxis, die besonders mit der Kadampa-Übertragung verbunden ist und Belehrungen zur Kultivierung von Mitgefühl (karuņā) und bodhicitta liefert.
Die Übung besteht darin, die Fixierung auf eine Vorstellung von einem isolierten Ich in geduldiger und mitfühlender Weise zu lösen, um sie in die Wertschätzung anderer umzuwandeln. Dies geschieht etwa, indem man die illusorische Natur des Selbst, die Fehler in der Selbstsucht und die Vorteile, die sich aus der Wertschätzung anderer ergeben, kontempliert.
"Die mündlichen Herzensunterweisungen des mächtigen Buddha und der Bodhisattvas wurden von einem Schüler zum anderen weitergegeben, bis sie die folgenden drei Lehrer erreichten: den Meister des Erleuchtungsgeistes Serlingpa „Ruhm des Dharma“, den Meister Dharmarakshita, der tatsächlich Fleisch von seinem eigenen Körper hergab und aufgrund von Liebe und Mitgefühl die Leerheit verwirklichte, sowie Maitri Yogin, der das Leid anderer wirklich auf sich nehmen konnte. Von diesen dreien erhielt der so genannte „Buddha in Person“, der wunderbare, edle Meister Atisha, über einen langen Zeitraum hinweg die vollständigen Unterweisungen. Dabei nahm er große Anstrengungen auf sich, und sein Geistesstrom füllte sich ganz mit dem Erleuchtungsgeist. [...]
Als Beschützer der Wesen nach Tibet gekommen, gab Atisha zahllose Unterweisungen, aber alles was er lehrte, basierte einzig auf dieser Übertragung (des Lodjong, des Geistestrainings). Unzählige Schüler der drei Arten brachte er zur Erleuchtung und Befreiung. Seine drei Hauptschüler waren Khutön Tsöndrü, Ngog Legpä Sherab und Dromtön Gyalwä Djungnä. [...]
Dromtön Rinpoche wiederum, Verkörperung von Avalokiteshvara, von Tschenresi, dem Buddha des Mitgefühls, hatte drei Schüler, die „drei Brüder“ wurden sie auch genannt, die Ausstrahlungen der drei Familien waren. Diesen dreien übertrug er die kanonischen Texte, die Schlüsselunterweisungen und die mündlichen Kernunterweisungen. Diese wurden dann jeweils von einer ganzen Folge großer spiritueller Meister weiter übertragen. " (Lodrö Thaye zitiert in Borghardt 2006:7)
Atiśa Dīpaṃkara Śrījñāna (982-1053), Drom Tönpa, Gründer der Kadampa-Tradition, sowie Langri Thangpa (1054-1123) haben im elften Jahrhundert wesentlich dazu beigetragen, diese Tradition nach Tibet zu bringen. Die Schulung zielt darauf ab, Schwierigkeiten in Möglichkeiten zu verwandeln, das Herz zu öffnen und Mitgefühl und liebevoller Güte Raum zu geben. Die Schulungen basieren zum Beispiel auf der Technik zum Ausgleich und Austausch von Selbst und Anderem (tong len), wie sie im achten Kapitel von Śāntidevas Bodhicaryāvatāra, einem Gedicht in zehn Kapiteln über den Bodhisattva-Pfad, dargelegt wird.
Es ist eine Praxis, die Schwierigkeiten willkommen heißt, weil es nichts Besseres gibt, um dem grundlegenden Irrtum einer isolierten Ich-Identität zu begegnen. Texte vergleichen zum Beispiel den Bodhisattva mit einem Helden, der Speeren und Pfeilen widerstehen kann, und mit einem Pfau, der Gift isst und dadurch noch schöner wird; er sagt, dass Schwierigkeiten, denen man im täglichen Leben begegnet, Gründe sind, die Entschlossenheit zu stärken, weil sie wie die Speere und Pfeile der karmischen Ergebnisse sind, die durch frühere unheilvolle Handlungen ausgelöst wurden. Aus dieser Perspektive werden Umstände, die normalerweise beunruhigend oder deprimierend sind, in Gründe für Glück verwandelt, indem man sich bewusst macht, dass hierbei negatives Karma aktualisiert wurde, was die Gelegenheit gibt, dieses umzuwandeln und aufzulösen. Die Vorstellung eines getrennten und von der Umwelt isolierten Selbst wird als Hauptgrund für die früheren unheilvollen Handlungen, die negative Ergebnisse verursacht haben, und für die gegenwärtigen unheilvollen Taten, die anderen schaden und das eigene Wohlergehen des Praktizierenden nicht fördern, angesehen.
„Lojong, die Übungen des tibetischen Geistestrainings (Geistesschulung), ermöglichen es uns, eine starke und positive Einstellung in Bezug darauf zu bewahren, wie wir den Herausforderungen des Lebens entgegentreten. Indem wir unseren Geist trainieren, können wir jegliche negativen Umstände in eine Gelegenheit umwandeln, Liebe, Mitgefühl und Verständnis zu entwickeln.“ ((Berzin-Archives – Study Buddhism)
"Es ist dies die Schlüsselunterweisung der Kadam-Schule. deren Übertragung auf Atisha Dipamkara Shrijnana (982—1054 n. Chr.) zurückgeht. Die Schlüsselmethode an sich stammt natürlich von Buddha selbst und wurde dann als geheime mündliche Tradition lange Zeit durch viele große Bodhisattvas weitergegeben. Sie heißt Dütsi Nyingpo, die »Nektaressenz«. »Nektar« steht für eine Flüssigkeit, die so rein ist, dass bereits ein einziger Tropfen eine riesige Wassermenge reinigen kann; die Unterweisungen sind wie die Quintessenz dieses reinigenden, heilenden Nektars. Dieser Nektar ist nicht nur in der Lage, den eigenen Geist zu klären, Atisha konnte mit diesen Anleitungen sogar die Übertragung des Buddhismus wirksam reinigen. Im 11. Jahrhundert ging der Buddhismus in Indien allmählich zurück, so wie der Buddha es vorhergesagt hatte. Tatsächlich hatte er bereits zu seiner Lebenszeit wiederholt darauf hingewiesen, dass seine Lehren mit Sicherheit verschwinden würden und es für seine Schüler daher entscheidend sei, sofort mit Ausdauer zu praktizieren. Der Buddha wiederholte diese Warnung bei jedem Sojong (Zeremonie zum Bereinigen von monastischen Regeln)." (Shamar 2010:37f)