Atiśa
- Schüler von Dharmakīrtiśrī (Serlingpa), Dharmarakshita
- Lehrer von Maitrīpa
Atīśa Dīpaṃkara Śrījñāna (982-1054) (Quelle: Lotsawahouse)
"Atisha wurde in Bengalen geboren und war bereits in seinen frühen Zwanzigern ein fähiger Meister der esoterischen Lehren des Buddhismus und berühmt in spirituellen Debatten. Er hatte von früher Kindheit an Visionen von Tara und war einer der führenden Lehrer in Vikramashila, der größten buddhistischen Mönchsuniversität in Indien zusammen mit Nalanda. Er erhielt mehrfach Einladungen, den Dharma in Tibet zu unterrichten, die er aber erst auf Wunsch von Tara annahm, nachdem er einen Fehler in der Leitung des Klosters gemacht hatte.
Er hatte einen fortgeschrittenen Praktizierenden, der sich scheinbar unangemessen verhielt, aus dem Kloster ausgeschlossen. Tara sagte ihm, dass sein Aufenthalt in Tibet diese unweise Handlung bereinigen würde, und so verbrachte er die letzten zwölf Jahre seines Lebens in Tibet und lehrte sämtliche Gebiete des Dharma, aber vor allem Zuflucht und Bodhicitta, so dass er als der „Zufluchtslama“ bekannt wurde. Er unterstützte den berühmten tibetischen Übersetzer Rinchen Sangpo in seiner wichtigen Arbeit, die tatsächlich immens war, weil er den gesamten Kangyur noch mal überarbeitet hat, stellte korrekte Lehrtexte zur Verfügung und gab allerdings tantrische Unterweisungen und Ermächtigungen nur im kleinen Kreis an ausgewählte Schüler weiter." (Borghardt 2006)
Biographie[Bearbeiten]
"Atiśa, auch bekannt als Dīpaṃkaraśrījñāna (982-1054), ist bekannt als ein Meister aus dem alten indischen buddhistischen Land Bengalen und für seine Reisen in Indonesien und Nepal. Am bekanntesten ist er für die letzten dreizehn Jahre seines Lebens in Tibet.
Atiśa war einer der einflussreichsten indischen buddhistischen Meister, die jemals nach Tibet kamen. Atiśas mahāyāna-buddhistische Lehren, die Belehrungen über den Eintritt in den Weg der Bodhisattvas bis hin zu den fortgeschrittensten Praktiken des esoterischen Geheimweges der Mantras umfassen, beeinflussten alle nachfolgenden Traditionen des Buddhismus in Tibet. Atiśa lebte zu einem einzigartigen Zeitpunkt in der Geschichte Indiens und Tibets. Atiśa hielt sich in Indien während einer Phase der Wiederbelebung der ostindischen Pāla-Dynastien (760-1142) in Bihar und Bengalen auf. Zu dieser Zeit war Bengalen eine "internationale" Region mit Handelsrouten auf dem Landweg von Assam und Birma zu den alten buddhistischen Pilgerstätten von Magadha. Zu den buddhistischen heiligen Stätten in Magadha gehörten Plätze wie Vajrāsana, der "Diamantsitz", an dem Śākyamuni Buddha das Erwachen erlangte und der sich im heutigen Bodh Gayā, Indien, befindet. Zum internationalen Umfeld Nordostindiens gehörten auch Seewege, die den Golf von Bengalen mit Häfen in Süd- und Südostasien verbanden.
Die Pālas herrschten über die nordöstlichen Gebiete von Bihar, West- und Nordbengalen und bekannten sich in ihren Inschriften ausdrücklich zum Buddhismus. Sie verwendeten das Dharma-Rad mit den Lehren des Buddha auf der Oberseite der beschrifteten Kupferplatten und bezeichneten sich selbst in den Kolophonen der von ihnen geförderten Manuskripte als "ganz dem Buddha ergeben".
Die Pālas unterstützten die buddhistische Mönchsgemeinschaft mit immerwährenden Spenden und errichteten ein Netz bedeutender Klöster, darunter die angesehenen Zentren von Vikramaśīla und Somapura. Atiśa, der fürstliche Herr, wurde während dieser blühenden Zeit des maritimen buddhistischen Asiens erwachsen, studierte, meditierte und lehrte. Die Periode der Pāla-Dynastie war durchdrungen von den religiösen Praktiken des esoterischen Buddhismus oder den Praktiken des Geheimen Mantras. Diese Form des Buddhismus wurde hauptsächlich von Meister zu Schüler weitergegeben und basierte auf Textgruppen, die Tantras genannt wurden. Die institutionelle klösterliche Esoterik und die Esoterik der Siddhas, verwirklichter Adepten am Rande der Gesellschaft, dominierten die buddhistische Kultur jener Zeit. Im späten zehnten und frühen elften Jahrhundert, zu Lebzeiten von Atiśa, hatten die buddhistischen Klostergemeinschaften und die Siddha-Kultur fast zwei Jahrhunderte der Vermischung und Anpassung hinter sich gebracht. Die Aufnahme des esoterischen Buddhismus in die Klostergemeinschaften wurde zum Teil durch die starke Konkurrenz zwischen Buddhisten und Nicht-Buddhisten beeinflusst, die sich um Gönnerschaft und wirtschaftliche Unterstützung bemühten. Esoterische Buddhisten lebten in einem kulturellen Kontext, in dem sowohl Buddhisten, die esoterische Praktiken nicht unterstützten, als auch nicht-buddhistische esoterische Praktizierende wie die verschiedenen Gruppen der Śaivas, der Anhänger Śivas, um Prestige und Autorität kämpften.
Diese Gruppen nahmen an einer ganzen Reihe von asketischen und rituellen Praktiken teil. Die Könige in Westtibet waren zu dieser Zeit bestrebt, den Buddhismus zu verjüngen, um die Ordnung, die ethischen Prinzipien und die Stabilität wiederherzustellen, die die Ideale des Mahāyāna-Buddhismus dem tibetischen Reich im siebten bis neunten Jahrhundert gebracht hatten. Auf der Suche nach Atiśa als Erneuerer der Ideale des Mahāyāna-Buddhismus müssen die Tibeter ihn zunächst für einen Nachkommen des großen Bodhisattva-Gelehrten Śāntarakṣita gehalten haben, der ebenfalls aus Bengalen stammte. Śāntarakṣita war für die Gründung der ersten ordinierten Mönche in Tibet verantwortlich und trug zur Übersetzung von Texten und zum Bau von Tibets erstem Kloster Samyé bei. Obwohl Atiśa und Śāntarakṣita aus derselben Region stammen könnten, lebte Atiśa in einer anderen Ära des indischen Buddhismus als Śāntarakṣita. Anstatt ein Mūlasarvāstivāda-Mönch zu sein, der Yogācāra- und Madhyamaka-Philosophien vermischte wie Śāntarakṣita, hielt Atiśa die Mahāsāṃghika-Ordinationslinie aufrecht und war ein Anhänger der Madhyamaka-Tradition von Candrakīrti.
Linienhalter[Bearbeiten]
Atiśa war auch ein Linienhalter einer Reihe von Yoginī-Tantras, wie dem Laghuśaṃvara-Tantra und dem Hevajra-Tantra, deren Praxis erst im späten zehnten Jahrhundert von Rinchen Zangpo (958-1055) in die tibetische Kultur eingeführt wurde. Die Tibeter zu dieser Zeit waren mit diesen Bereichen der klösterlichen Disziplin, der Madhyamaka-Philosophie und des esoterischen Buddhismus, die Atiśa mit nach Tibet brachte, nicht vollständig vertraut. Atiśa brachte auch die glühende Verehrung der Göttin Tārā mit nach Tibet, und er ist für die ausgedehnte Verehrung der Göttin im Land des Schnees verantwortlich. Atiśa belebte auch die tibetische Verehrung des großen Bodhisattva des Mitgefühls, Avalokiteśvara, neu. Atiśa führte eine Reihe von rituellen Praktiken ein, die für die Renaissance des tibetischen Buddhismus prägend waren, wie etwa die rituelle Rezitation des Herz-Sūtra.
Lehrer[Bearbeiten]
Atiśas Lehren waren für alle buddhistischen Gruppen in Tibet prägend. Er führte die tibetischen Buddhisten in eine Reihe von Themen und Fragen ein, wie z.B. die Stufen des Pfades, die Drei-Gelübde-Theorie, die Lehre von den drei Kontinuitäten, die komplementäre Anwendung von Candrakīrti und Bhāvivekas Madhyamaka-Philosophie und sein Verständnis der Praxis des Großen Siegels (Mahāmudrā). Atiśa machte die Gelehrten West- und Zentraltibets auf diese Themen und Fragen aufmerksam, aber nicht alle Tibeter nahmen seine Vorschläge an. Atiśas Sichtweisen zu einer Reihe von Themen der buddhistischen Geistesbewegung und Praxis unterschieden sich von dem, wie viele spätere tibetische Schulen wie Sakya, Kagyu, Geluk oder die spätere Kadam-Anhänger sie verstanden. Dennoch ist Atiśas Einfluss auf die tibetisch-buddhistischen Praktiken der moralischen Disziplin, der integrierten Stufen des Pfades, der Meditationen des fortgeschrittenen Geheimen Mantra-Fahrzeugs und der Praktiken der Geistesschulung in den heutigen tibetischen Formen des Buddhismus immer noch sichtbar.
In Tibet[Bearbeiten]
Als Atiśa nach Tibet kam, wurde er von seinen sozialen und rituellen Pflichten entbunden, die er in seinem indischen Kloster Vikramaśīla hatte. Ironischerweise hatte Atiśa, als er in Tibet ankam, keine andere Aufgabe, als den Mahāyāna-Buddhismus in einer gereinigten dogmatischen Weise zu lehren, da er dem Mahāsāṃghika-Vinaya folgte und nicht dem bereits in Tibet etablierten Mūlasarvāstivādavinaya. Atiśa hatte keine institutionelle Macht und errichtete keine Mahāsāṃghika-Vinaya-Ordinationslinie während seines Aufenthalts im Land des Schnees. Während seines Aufenthalts in Tibet war Atiśa wie ein angesehener Gastdozent, der eine moderne Universität besucht. Ein angesehener Gastdozent bewertet nicht die Leistungen der Studenten und vergibt Noten, nimmt nicht an Ausschusssitzungen teil und verhandelt nicht mit Verwaltern und Kollegen über administrative oder pädagogische Aufgaben, sondern unterrichtet und belehrt vordergründig nur über den jeweiligen Lehrstoff. Ebenso unterrichtete Atiśa in Tibet nur die Praktiken des Mahāyāna-Buddhismus, den Weg der Vollkommenheit und den Weg des Geheimen Mantra-Fahrzeugs, anstatt klösterliche Institutionen zu gründen und zu verwalten und Mönche und Nonnen zu ordinieren.
Die Geschichten von Atiśas Leben sind nur in tibetischen Quellen erhalten. Atiśa verfasste während seines Lebens in Indien, Indonesien, Nepal und Tibet mehr als hundert Werke. Neuere Veröffentlichungen seiner gesammelten Schriften in tibetischer Sprache gliedern seine Kompositionen in solche, die sich auf Sichtweise, Verhalten, Vereinigung von Sichtweise und Verhalten und Praktiken des Geheimen Mantras beziehen.
Lojong-Geistestraining[Bearbeiten]
"Atisha wurde als zweiter Sohn eines Fürsten geboren, dessen Reich in der heutigen Grenzregion zwischen Indien und Bangladesh lag. Seine Eltern nannten ihn Chandragarbha, die »Mondessenz«.
Im Alter von zwanzig Jahren erhielt er die Vinaya-Gelübde (monastische Gelübde) und den Namen Dipamkara Shrijnana. Erst in seinem späteren Lebensabschnitt wurde er in Tibet, während seiner dortigen Lehrtätigkeit, als Atisha bekannt. Atisha reiste mit dem Schiff nach Sumatra, eine Reise, die über ein Jahr dauerte. Fürchterliche Hindernisse in Form von Stürmen und aggressiven Seeungeheuern stellten sich ihm dabei in den Weg. Einmal wurde er von Maheshvara angegriffen, der die Gestalt eines riesigen, furchterregenden Monsters angenommen hatte und das Schiff mit einem tückischen Sturm bedrohte: Blitze und Donner, große Wellen und ein riesiger Strudel brachten das Schiff fast zum Untergehen. Mitten im Strudel tauchte das Seeungeheuer auf, dass alle Menschen an Bord zu verschlingen drohte. Atisha vertiefte sich in eine stabile Meditation und entwickelte Liebe und Mitgefühl. Die flehenden Bitten von Atishas entsetzten Reisegefährten verbunden mit seinem riesigen Verdienst bewirkten, dass sich Amrita Kundali, eine zornvolle buddhistische Gottheit, manifestierte und das Seeungeheuer zerstörte. Blitze des sich ebenfalls manifestierten Yamantaka trafen auch Pashupatinath (alter Tempelkomplex bei Kathmandu, der Shiva gewidmet ist), das Bön-Königreich Shangshung sowie mongolische Invasoren, die darauf aus waren, Bodhgaya anzugreifen. Von Atishas Liebe und Yamantakas Blitzen überwältigt, nahm Maheshvara schließlich Hinweis auf den Ursprung der Übertragung die Gestalt eines Jungen an und bat um Vergebung. Obwohl Atishas Reise von solchen Vorkommnissen begleitet war, gelangten sie an ihr Ziel.
Als Atisha schließlich in Indonesien ankam, wurde er von Serlingpa, einem Prinzen aus Sumatra, der ein großer buddhistischer Meister geworden war, herzlich empfangen. Atisha, selbst ebenfalls ein Prinz, verbrachte dort zwölf Jahre und erhielt sämtliche Lehren von Serlingpa, natürlich einschließlich der Schlüsselunterweisungen. Die im vorliegenden Buch enthaltenen Lehren zum Geistestraining umfassen genau diese Schlüsselunterweisungen, insbesondere die Praxis des Gebens und Nehmens mit sich und anderen. [...]
Serlingpa gab Atisha vor dessen Rückkehr nach Indien sechs Texte, die die Quintessenz des Mahayana (Großes Fahrzeug) enthielten. Atisha, der sowohl in den Sutras (allgemein verständliche Lehren des Buddha) als auch in den Tantras (nur für Eingeweihte bestimmte Lehren des Buddha) sehr bewandert war, erkannte, dass er damit tatsächlich die Schlüssel zum Schatz der Lehren des Buddha erhalten hatte. Er empfand seinem geistigen Mentor gegenüber eine tiefe Dankbarkeit und erfreute sich am Glück der Lebewesen. Von da an gehörten diese sechs Texte immer zu seinem Reisegepäck. Atisha war bereits sechzig Jahre alt, als ihn Könige aus Westtibet in ihr Land einluden. Nach längerer Überzeugungsarbeit machte sich Atisha auf die Reise, um dort zu unterrichten. Der tibetische Prinz Jangchub Ö führte Atisha die große Dringlichkeit vor Augen, den Buddhismus, der in Tibet zu Schaden gekommen war, wiederherzustellen. Scharlatane und Magier waren dabei, die Menschen in die Irre zu führen. Der Prinz bat Atisha darum, falschen Auffassungen und Aberglauben durch Aufklärung entgegenzuwirken. Insbesondere bat er ihn darum, zum Wohl der Bevölkerung die Lehren in einer für einfache Laien verständlichen Art darzustellen. So fasste Atisha die Lehren aus den sechs Texten, die er vom Meister Serlingpa erhalten hatte, zusammen und schrieb auf einigen Blatt Papier die achtundsechzig Strophen seines berühmten Werkes Das Licht für den Pfad zur Erleuchtung (Sanskrit: Bodhipathapradipa). Die dabei verwendete Art, die Lehre stufenweise darzustellen, wurde auf tibetisch als Lam Rim bekannt, die »Schritte des Wegs«.(Shamar 2010)